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Die Helden von Tschernobyl

Helden Tschernobyl
(c) AP (STR)
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Vor 25 Jahren haben sie zu Hunderttausenden die Gegend um den sowjetischen Katastrophenreaktor dekontaminiert. Wer nicht tot ist, ist krank – und blickt nach Japan. Besuch bei den "Liquidatoren" des bisher größten Atomunfalls der Welt.

Einer der sogenannten „Liquidatoren“, mit denen wir uns zu einem Gespräch über die Dekontaminierungsarbeiten 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl verabredet hatten, musste kurzfristig absagen. Zum wiederholten Mal musste Vladimir Dmitriev dieser Tage in ein Moskauer Krankenhaus. Der Krebs ist schwer in den Griff zu kriegen. Früher hatte Dmitriev, einer der ersten Einsatzmänner nach dem GAU in der sowjetischen Atomanlage, an die 115 Kilogramm auf die Waage gebracht. Mittlerweile hat das Karzinom ein Drittel des Gewichts aufgefressen. „Uns alle beginnt es zu erwischen“, sagt der 71-Jährige am Telefon aus dem Spital: „Es gäbe einiges zu erzählen. Vielleicht haben wir beim nächsten Mal mehr Glück.“

Glück, Unglück, GAU, und wieder Glück. Auch Igor Ostrezov hat in den vergangenen 25 Jahren sieben Operationen über sich ergehen lassen müssen. Warum er dennoch rüstig wirkt und einen Händedruck wie ein Schraubstock hat, erklärt der 72-Jährige mit Sport. Regelmäßig schwimmen, zumal die Tschernobyl-Veteranen gratis ins Schwimmbad dürfen. Wir treffen Ostrezov in seiner geräumigen Dreizimmerwohnung im Norden der russischen Metropole. Draußen gleiten an diesem Nachmittag Schneeflocken wie Staubpartikeln sanft auf den unebenen Asphalt. Eine fast idyllische Stimmung, während in Russlands östlichem Nachbarland Japan, knapp 8000 Kilometer von Moskau entfernt, Fachleute um einen Rest an Kontrolle über die Atomanlagen in Fukushima I kämpfen.

Eine Katastrophe wie ein Krieg. „Wissen Sie, eine Reaktorkatastrophe ist eine Kriegssituation“, sagt Ostrezov: „Alle warten immer auf klare Befehle von der Zentrale oben. Und solange sie nicht eintreffen, hat keiner eine Ahnung, was er tun soll.“

So war es zumindest in den ersten Wochen nach dem GAU am 26. April 1986 in Tschernobyl. „Niedergeschlagenheit, Verlorenheit, Verwirrung“, sagt Ostrezov: Ähnlich werde es auch in Fukushima I sein, bis Klarheit herrsche. „Wie in den Krieg“, erklärt Ostrezov, sei er am 10. Mai 1986 für vier Tage nach Tschernobyl geschickt worden, um zu eruieren, was zur Explosion des Reaktors Nummer vier und damit zum weltweit schwersten Atomunfall geführt habe. Als Leiter des ministeriellen Instituts für den Bau von atomaren Anlagen hatte er schon viele Meiler inspiziert.

Ohne Schutzkleidung. Das Bild, das sich ihm in Tschernobyl bot, hatte die schlimmsten Vorstellungen übertroffen. Leute mit verbrannten Gliedmaßen, geborstene Betonwände, verstrahltes Material in alle Himmelsrichtungen verstreut, Soldaten, die ohne spezielle Schutzkleidung in die gefährlichsten Bereiche geschickt wurden, um dort maximal eine Minute lang irgendeinen Handgriff zu erledigen und die Anlage wieder fluchtartig zu verlassen. „Alles musste schnell gehen“, erzählt der studierte Atomphysiker Ostrezov: „Da wurde auch viel Sinnloses gemacht. Aber auch Sinnvolles.“ Schließlich wurde Mitte Mai entschieden, den Reaktor in einen Betonsarkophag zu hüllen, der dann binnen weniger Monate hochgezogen wurde.

Die Atomkatastrophe in Japan ruft die Ereignisse von damals in die Erinnerung, noch bevor der 25. Jahrestag Ende April zum Anlass für Feiern und Gedenken hätte werde sollen. In Russland sind heute noch ein Dutzend Reaktoren des Tschernobyl-Typs in Betrieb. „Wäre unser damaliger Bericht über die Konstruktionsmängel akzeptiert worden, hätte man alle Reaktoren sofort abstellen müssen“, sagt Ostrezov. Es kam regimegemäß anders.

Während die Arbeiten am Betonsarkophag für den vierten Reaktor begannen, wurde Ostrezov bereits mit der Wiederinbetriebnahme der drei benachbarten Reaktoren beauftragt. Das bedeutete, ein Jahr lang in Tschernobyl arbeiten. Schlafen auf Klappbetten, 18 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Zulagen, die den Lohn verfünffachten. Und am Ende 50 Röntgen Strahlendosis, während es bei den offiziell zulässige 25 Röntgen schon zu Zellenmutationen kommen kann.

„Es wurde auch schlampig gemessen. Meine Frau hatte Angst“, lacht der Vater eines 50-jährigen Sohnes noch heute über sie. Und sie lacht über ihn, wenn er beim Politisieren wieder einmal vor der Expansion der Chinesen und auch davor warnt, mit neuen Sicherheitstechnologien in der Atomenergie säumig zu sein.

Tschernobyl hat bei den Liquidatoren nicht unbedingt zu einer Ablehnung der Atomenergie geführt. Und das, obwohl „die meisten von ihnen schon tot“ sind, wie Ostrezov sagt. Nicht so sehr der akuten Strahlenkrankheit sind sie erlegen als vielmehr den Spätfolgen wie Krebs, Immunschwäche oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine annähernd zuverlässige Statistik gibt es nicht. Selbst die Gesamtzahl der Einsatzkräfte schwankt je nach Standpunkt des Betrachters zwischen 600.000 und einer Million.

In minutiöser Kleinarbeit ist Jelena Kozlova dem Schicksal vieler von ihnen nachgegangen. Als Chemikerin selbst von Anfang an mit Dekontaminierungsarbeiten in Tschernobyl beauftragt, hat die heutige Invalidin in den vergangenen Jahren einige Bücher zu Tschernobyl verfasst. „Von den porträtierten Personen ist ein Drittel tot“, sagt die blasse 69-Jährige mit der strengen Frisur einer Internatsdirektorin: „Tagelang nur mit Hinterbliebenen zu reden fiel sehr schwer. Oft musste ich die Arbeit am Buch unterbrechen.“

Dabei war Kozlova, Spross einer Künstlerfamilie, nie ein Kind von Traurigkeit. Fast wie im staatstragenden Heldenpathos ihrer Bücher erzählt sie im Beisein ihrer Enkel in ihrer Moskauer Wohnung von der Tatkraft, ja nahezu Begeisterung, mit der die Liquidatoren damals an die Arbeit gingen: „Als Wissenschaftler wussten wir, dass es ein Wettlauf mit der Zeit war“, sagt sie, die ihren einzigen Sohn vor ihrem Einsatz in Tschernobyl geboren hat: „Es mutet absurd an, dass manche trotz bereits überhöhter Strahlendosis ihre Arbeit rund um den Reaktor zu Ende führen wollten und dafür schon bald mit dem Leben bezahlten. Viele eilten nach Tschernobyl wie an die Front.“


Keine Ahnung von den Gefahren. Freilich, viele der zugezogenen Soldaten und freiwilligen Helfer, ja überhaupt die ganze Bevölkerung, wussten anfangs gar nicht über die Gefahren Bescheid. Oder vergaßen auf sie, sodass sie den Mundschutz in der Nähe des Reaktors abnahmen und rauchten, wie auf Fotos zu sehen ist. Die sowjetische Zensur hielt in den ersten Tagen der Katastrophe zurück, was zurückgehalten werden konnte. Später, 1997, hat die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch erstmals hunderte überlebende Liquidatoren im Gespräch vorgestellt und mit ihrem Buch schockiert. In der restaurativen Gegenwart freilich gleicht die selektive Reflexion über Tschernobyl wieder jener über den Großen Vaterländischen Krieg. Die Rituale des Heldenkults behindern die Entwicklung einer Sprache für das Leid von Millionen betroffener Individuen. Und den Diskurs über menschenverachtenden Zynismus in autoritären Kommandostrukturen, die letztlich auch in Tschernobyl am 25. April 1986 jenes Reaktorexperiment zugelassen haben, das einen Tag später in der Explosion endete.

Anschreiben gegen das Vergessen. Damit die Arbeiten für den Sarkophag überhaupt begonnen werden konnten, musste Kozlova die Reinigung der Dachflächen von radioaktivem Material organisieren. „Das waren die meistverstrahlten Stellen“, sagt sie. „Wir versuchten zuerst mit Hubschraubern, Matten mit Klebstoff auszulegen und das Material so zu beseitigen. Aber die Hubschrauber wirbelten auch den radioaktiven Staub auf.“ Ein einziger Flug mit dem Hubschrauber erhöhte die Dosis bei Kozlova um ein Röntgen. Weil es an Kränen mangelte, wurden 5000 ältere Armeereservisten zum Reinigen auf das Dach geschickt. Nach fünf Wochen kehrte Kozlova mit 13 Röntgen im Körper nach Moskau zurück, ehe sie ein Jahr später für nochmals fünf Monate nach Tschernobyl entsandt wurde.

Raffaels „Madonna mit dem Stieglitz“ blickt gedankenverloren von der Wand in Kozlovas Wohnung, daneben die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci. Wie sie zieht Kozlova ein geheimnisvolles Lächeln unter den tiefen Augenringen auf: „Der Sinn des Lebens ändert sich ständig“, sagt sie: „Früher war es die Wissenschaft, heute sind es die Enkeln.“ Aber auch die Arbeit an Büchern ist gleichzeitig Therapie und Anschreiben gegen das Vergessen einer nationalen und globalen Tragödie. „Mir scheint, es wird wenig über Tschernobyl geschrieben und gedreht“, sagt sie: „Der Staat finanziert das nicht.“ Auch Ostrezov hat seine Memoiren im Eigenverlag verfasst. Seit er einmal zufällig über die Bibel gestolpert ist und, wie er sagt, mit Verblüffung dort seine eigenen Gedanken wiedergefunden hat, schreibt er auch philosophische Abhandlungen. Früher ging er als Hobby fischen, wirft seine Frau ein.

Dmitriev kommt dieser Tage wieder aus dem Spital nach Hause. Im Moment frisst der Kampf gegen den Krebs seine ganze Energie. „Aber was soll's“, sagt er am Telefon: „Wir werden uns schon durchschlagen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2011)