Woraus sich schon die Musik in Wien um 1900 speiste

Daniel Barenboim und die Philharmoniker gedachten der Opfer der Katastrophe in Japan – und wiesen zu den Wurzeln wienerischer Kultur.

Gedenkminuten. Daniel Barenboim und das Orchester musizierten zu Beginn ihrer Matinee, vergangenen Sonntag, den langsamen Satz aus Mozarts Klavierkonzert KV 488, um der Opfer der Erdbebenkatatstrophe zu gedenken. Das Orchester verweist auf ein halbes Jahrhundert fruchtbarer Beziehungen: Seit 1956 hat man 257 Konzerte in Japan gegeben. Unzählbar die vielen Kammermusikauftritte, unschätzbar die Lehrtätigkeit von philharmonischen Musikern.

Barenboim zelebrierte Mozarts Musik auf sehr wienerische Art: Die Schmerzensmusik in fis-Moll entfaltet ihre Wirkung tatsächlich am allerbesten, wenn die Musikanten sie strömen lassen, ohne falschen Druck auf die Tränendrüse.

Natürlichkeit war an diesem Vormittag insgesamt Trumpf. Kaum einer unter den derzeit führenden Maestri, der dieses Orchester dermaßen fordert wie Barenboim – und der dabei völlig entspannt bleibt und, so scheint es zumindest für den Hörer, nichts überdreht, übertreibt.

Der Anfang von Beethovens erstem Klavierkonzert gerät geradezu geflüstert. Und doch klingt er nicht zwanghaft zurückgehalten, sondern atmet. Jede Phrase scheint im Folgenden minuziös gearbeitet, mit Bedacht artikuliert, aber doch eingebunden in einen völlig unverkrampft sich entfaltenden melodischen Fluss.

So sorgfältig durchgearbeitet darf man nicht nur die Klassiker servieren. Man muss auch der Moderne auf diese Weise beikommen, wenn man ihr gerecht werden will!

Etwa Arnold Schönbergs „Pelleas und Melisande“-Tondichtung, denn sie klingt selten wirklich befriedigend, weil ungemein dick und reich instrumentiert. Die bildhaften Strukturen der Komposition gehen meist in einem mehr oder weniger harmonisch tönenden Tohuwabohu unter – und das Werk wirkt endlos ausgewalzt.

Bei Barenboim und den Philharmonikern ist es eine kurzweilige Erzählung einer Liebes- und Eifersuchtstragödie, voll von poetischen Stimmungen, leidenschaftlichen Aufwallungen und bewegenden Bekenntnissen. Denn die kleinteilige Arbeit, auch in der dynamischen Abstimmung – bei Beethoven schon ein Ereignis –, setzt sich bei Schönberg fort. So, nur so, entfaltet diese Musik ihren Reiz.

Barenboim ist in ihr zu Hause, pflegt sie, wie auch spätere, nicht mehr tonale Schönberg-Stücke, konsequent. Gegenüber seiner vorletzten „Pelleas“-Aufführung im Musikverein, 2006 mit seinem Berliner Orchester, hat er, scheint's, noch an Eloquenz gewonnen. Vor allem aber steht ihm mit den Philharmonikern jener Klangkörper zur Verfügung, dessen Spieltradition direkt jener musikalischen Welt entwachsen ist, aus der Schönberg einst schöpfte. In Augenblicken wie dem jüngsten Sonntagvormittag meint man, das hörend erleben zu können.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2011)

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