Radioaktivität erreicht Nahrungskette

(c) EPA (YM YIK)

Ausmaß der Verstrahlung übersteigt die Befürchtungen. Die Regierung verhängt ein Verkaufsverbot für Milch und Gemüse aus den nördlichen Provinzen. Auch das Leitungswasser ist teilweise radioaktiv verseucht.

Tokio/Basta/Wg/Ki/Ku. Das Ausmaß der radioaktiven Verstrahlung in Essen und Trinkwasser ist nach dem Unfall im AKW Fukushima I größer als befürchtet: Laut der in Wien ansässigen Behörde für die Überwachung des weltweiten Atomteststopps (CTBTO) wurden in den ersten vier Tagen 50 Prozent der Cäsium- und 20 Prozent der Jod-Isotopen-Menge des Super-GAUs in Tschernobyl frei. Die WHO spricht von einer „sehr ernsten“ Situation. Japans Regierung verhängte über die Präfekturen Fukushima, Ibaraki, Tochigi und Gunma ein Auslieferverbot für Milch und diverse Gemüsesorten.

In Itate, 30 km von Fukushima entfernt, darf man kein Leitungswasser mehr trinken: Die Grenzwerte für radioaktives Jod sind im Wasser um das Dreifache überschritten. Die rund 6000Menschen sollen mit Flaschen versorgt werden. Spuren radioaktiven Jods, allerdings unter dem Grenzwert, wurden im Trinkwasser von neun Präfekturen nachgewiesen.

Die WHO hatte zuerst eine Begrenzung des Problems auf einen Umkreis bis zu 30 km um Fukushima angenommen. Nun aber fand man kontaminierte Produkte auch weit außerhalb dieser Zone. Auch das Meerwasser nahe der Reaktoren ist verseucht; man fand deutlich erhöhte Werte von Cäsium-137 und von Jod-Isotopen. Die Folgen für die Fischerei sind nicht absehbar, da sich diese Mengen relativ rasch verdünnen.

1. Welche Lebensmittel sind in Japan betroffen?

Vor allem Blattgemüse, speziell Spinat. Auch 100 Kilometer südlich von Fukushima wurden bei Spinat Werte bis 54.000 Becquerel pro Kilogramm etwa an Jod-131 gemessen, 27-mal höher als der zulässige Grenzwert. Die Cäsium-137-Belastung betrug 2000 Bq pro Kilogramm (Grenzwert: 500 Bq). Neben Spinat fand man bei Milch und Bohnen starke Überschreitungen der Grenzwerte.

2. Wie wirkt sich die Verseuchung des Meerwassers aus?

AKW-Betreiber Tepco registrierte im Meerwasser einen Cäsium-137-Wert, der den Grenzwert um das 16,5-Fache überstieg. Bei Jod-131 wurde er um das 126,7-Fache überstiegen. Die Strahlung wurde durch Regen ins Meer gespült, dürfte aber auch auf die Rückführung von für die Kühlung der Brennstäbe verwendetem Meerwasser zurückgehen.

Grundsätzlich sammelt sich Cäsium-137 im Fischmuskelgewebe an. In der „New York Times“ warnt Meeresbiologe Paul Falkowski (Rutgers University) davor, dass Strömungen innerhalb der nächsten Monate im „schlechtesten Fall“ Radioaktivität bis zum Golf von Alaska schwemmen könnten.

3. Welche Produkte importiert Österreich aus Japan?

Aus Japan werden nach Europa kaum Lebens- oder Futtermittel importiert. 2010 kamen laut Statistik Austria nur gut 1000 Tonnen japanischer Esswaren im Wert von 4,6 Mio. Euro nach Österreich, meist Spezialitäten wie getrocknete Pilze, Tee, Saucen. Bekannte Lebensmittel wie Algen, Sojasauce, Fisch für Sushi kommen in den meisten Fällen gar nicht aus Japan.

Einige Experten warnen vor Verstrahlung des Polardorsches aus dem Nordwestpazifik. Dieser wird zu Fischstäbchen verarbeitet, die in der EU verkauft werden. Gefangen werden dort auch Alaska-Seelachs, Scholle, Seeteufel und Wildlachs.

4. Wann kommt die radioaktive Wolke zu uns?

Erste radioaktive Isotope aus dem AKW Fukushima, darunter Jod-131, wurden am Dienstag in der Luft von Reykjavik (Island) gemessen. Heute dürften Ausläufer der Wolke Frankreich erreichen. Auf ihrem Weg über den Nordpazifik und Nordamerika hat sie sich aber so verdünnt, dass sie laut Forschern keine Gefahr ist; über den USA habe ihre Strahlung etwa dem Einmillionsten der natürlichen Hintergrundstrahlung entsprochen. In Frankreich soll ihre Intensität tausend- bis zehntausendfach unter jener der Tschernobyl-Wolke liegen.

5. Wie ist die aktuelle Lage im AKW Fukushima I?

Am Dienstag waren endlich Stromanschlüsse für die Notkühlsysteme in allen sechs Reaktoren gelegt, die Reaktoren 5 und 6 waren stabil, und das zuvor überhitzte Lagerbecken für verbrauchte Brennstäbe im Reaktorhaus 4 konnte ebenfalls gekühlt werden. Sorgen machten allerdings vorübergehend die Reaktoren 2 und 3, aus denen mehrfach Dampf- bzw. Rauchwolken entwichen.

Der Dampf aus Nummer 2 soll eingespritztes Meerwasser und ungefährlich gewesen sein, so der AKW-Betreiber Tepco. Möglicherweise war es aber auch Folge einer Druckentlastung aus dem Reaktorkern – dann wäre der Dampf radioaktiv. Der Rauch aus Reaktor 3 sei auf einen vorübergehenden Brand von Öl und Kunststoff zurückzuführen.

Allerdings wurde gegen Dienstagabend die Lage in Block 1 plötzlich wieder sehr heikel, weil in dessen Kern die Temperatur auf fast 400 Grad anstieg – normal sind etwa 300. Man brauche mehr Zeit, um ihn zu kühlen, so ein Tepco-Manager.