„Hohe Staatsschuld wird Wiederaufbau behindern“

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Ökonom Norbert Walter sieht Japan in einem Teufelskreis. Teurer werdende Kredite könnten den Weg zurück zur Normalität erschweren. Bekommt Japan die Lage nicht unter Kontrolle, sind die Folgen völlig unabsehbar.

Die Presse: Welche Folgen wird die Katastrophe in Japan auf die Wirtschaft des Landes haben?

Norbert Walter: Das hängt ganz davon ab, was mit dem Atomkraftwerk in Fukushima passiert. Bekommt die Regierung die Lage nicht unter Kontrolle, sind die Folgen völlig unabsehbar. Werden weitläufige Gebiete verstrahlt, hätte das eine zerstörerische Wirkung für die gesamte Volkswirtschaft. Aber davon sind wir momentan weit entfernt. Wenn sich die Lage in Fukushima beruhigt und es zu keiner Eskalation kommt, wird die Konjunktur relativ zügig wieder anlaufen.

Wie zügig?

Das Problem ist die Energieknappheit nördlich von Fukushima. Förderbänder stehen still, Benzin ist kaum erhältlich. Das wird negative Folgen bis ins vierte Quartal dieses Jahres haben. Dann beginnen aber der Aufholprozess und der Wiederaufbau. Das wird sich positiv auf das Wachstum auswirken. Genaue Zahlen wage ich aber nicht vorherzusagen, dazu ist die Lage noch zu unsicher.

 

Sie sprechen den Wiederaufbau an. Japan hält bei einer Staatsverschuldung von 200 Prozent der Wirtschaftsleistung. Wird das Land den Wiederaufbau finanzieren können?

Genau darin sehe ich die größte Gefahr. Die hohe Staatsschuld könnte den Wiederaufbau behindern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Land wie Japan, das nur ein Drittel seiner Ausgaben durch Steuereinnahmen finanziert, den Wiederaufbau problemlos schultern wird. Ich sehe die Verschuldung nächstes Jahr auf 250 Prozent der Wirtschaftsleistung wachsen.

Aber in Relation ist der Wiederaufbau gar nicht besonders teuer – vorausgesetzt, Fukushima wird unter Kontrolle gebracht. Die Weltbank spricht von maximal 166 Milliarden Euro, gerade mal drei Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung.

Das mag schon sein, doch befürchte ich einen Teufelskreis. Die Ratingagenturen blicken besorgt nach Japan. Herabstufungen in den nächsten Monaten sind möglich. Das verteuert für den Wiederaufbau nötige Kredite. Japan wird den Weg aus diesem Teufelskreis nur finden, wenn es schon sehr bald, möglicherweise noch heuer, auf der Einnahmenseite drastische Änderungen vollzieht.

Also höhere Steuern?

Ja. Aber auch eine drastische Einschränkung der Altersversorgung. Japan hat das höchste Durchschnittsalter der Welt. Die Pensionisten werden für das Schuldenmachen und den Wiederaufbau büßen müssen. Die einzige andere Lösung wäre ein Staatsbankrott, aber so weit wird es die Regierung hoffentlich doch nicht kommen lassen.

Würden Sie Japan, immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, derzeit als größtes Sorgenkind der Weltkonjunktur bezeichnen?

Wenn Fukushima unter Kontrolle gebracht wird, dann kaum. Da macht mir die arabische Welt mehr Sorge. Was dort geschieht, ist für mich von der Bedeutungsschwere mit dem Ende des Kommunismus vergleichbar. Nur sind die Risken ungleich größer.

Warum?

Es gibt keine verhältnismäßig vernünftigen Diktatoren, so wie damals im Kommunismus. In Mittel- und Osteuropa sind die Revolutionen zum Teil von oben geschehen, nun passieren sie von unten. Außerdem: Die Kommunisten haben alles falsch gemacht, aber eines ganz ausgezeichnet: Sie haben ihre Leute ausgebildet. Das gab den Menschen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Perspektive. In Nordafrika und dem Mittleren Osten ist das Bildungsniveau viel schlechter. Deshalb erwarte ich keinen Frieden. Sondern lang andauernde Unruhen, ständige Probleme und eine enorme Unsicherheit für die Weltwirtschaft.

 

Das sind keine rosigen Aussichten. Worauf sollten wir hoffen?

Vielleicht darauf, dass die Gesellschaft vor allem in Saudiarabien noch länger ruhiggestellt werden kann. Das halte ich für durchaus möglich, sofern die Herrscher eine Bereitschaft zeigen, den Menschen Geldgeschenke zu machen.

Also Geldgeschenke statt Menschenrechte. Eher unschön.

Das ist eine Abwägung aus realpolitischen Gesichtspunkten. Der Westen will nicht für die Menschenrechte in diesen Ländern verantwortlich gemacht werden, sondern das verfügbare Öl genießen. Deshalb würde sich der Westen in Saudiarabien auch ganz anders verhalten, als er es in Libyen tut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2011)