Briten verkünden Ausschaltung der libyschen Luftwaffe

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Die Bodenkampf um Städte dauert an. An manchen Orten wartet man noch vergebens auf die Hilfe. Die Alliierten wollen nun vermehrt Zivilisten schützen und halten libyschen Bodentruppen unter ständiger Beobachtung.

Madrid/Tripolis. Manche waren überrascht, wie schnell die Meldung eintraf. Gestern, Mittwoch, nach fünftägigem Bombardement, war es so weit. Die britische Air Force erklärte auf ihrem Stützpunkt in Gioia del Colle, dass man die Luftwaffe von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi ausgeschaltet habe.

„Die libysche Luftwaffe ist keine kämpfende Kraft mehr“, sagte Greg Bagwell, der Kommandant der britischen Luftstreitkräfte, gegenüber der BBC. Die Flugzeuge der Alliierten könnten inzwischen nahezu ungestört im Luftraum über Libyen operieren und die Flugverbotszone überwachen. Nach Bagwells Angaben haben die Alliierten in den vergangenen Tagen 300 Einsätze über Libyen geflogen und 162 Tomahawk-Marschflugkörper abgefeuert.

 

Bodentruppen im Visier

Die Piloten der britischen Kampfflugzeuge konzentrierten sich nun zunehmend auf die Geschehnisse auf dem Boden. „Wir haben ein Auge auf die unschuldigen Menschen in Libyen und stellen sicher, dass sie nicht angegriffen werden“, sagte der Kommandant. „Wir halten die libyschen Bodentruppen unter ständiger Beobachtung und wir greifen sie an, wann immer sie Zivilisten bedrohen oder sich besiedelten Zentren nähern.“

Allerdings waren viele Städte auch gestern noch heiß umkämpft – und glaubt man den Angaben von Zivilisten, dann wartete man an mehreren Orten noch vergeblich auf das Einschreiten der Aliiierten. So war etwa die Rebellenhochburg Zintan, 90 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tripolis, laut Augenzeugenberichten von regierungstreuen Truppen umzingelt. Ein Bewohner namens Abdulrahman sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Die Stadt ist komplett umzingelt. Die Lage ist sehr schlecht.“ Gaddafis Truppen würden Verstärkung ordern. „Wir wenden uns an die Alliierten. Sie sollen kommen und die Zivilisten beschützen.“

Erstmals griff die westlich-arabische Koalition gestern in der Großstadt Misurata ein, die seit Tagen von Gaddafis Truppen mit Panzern und Artillerie beschossen wurde. Alliierte Kampfflugzeuge hätten libysche Militärbasen und Truppenstellungen angegriffen, Panzer seien zerstört worden, die Gaddafi-Einheiten hätten sich deswegen zurückgezogen, berichtete ein Arzt. Nur noch Heckenschützen, mit denen Gaddafi die Bevölkerung terrorisiert, lauerten auf den Dächern.

Wenigstens 45 Menschen, darunter Zivilisten und Kinder, sind am Montag und Dienstag bei Kämpfen in Misurata ums Leben gekommen, meldete die UN-Agentur Ocha. Weitere 189 seien verletzt worden. Bisher befinden sich 335.600 Menschen auf der Flucht aus Libyen.

 

Gaddafi: „Wir werden siegen“

Erstmals seit Beginn des Luftkriegs gegen das libysche Militär trat Muammar al-Gaddafi Dienstagnacht in der Hauptstadt Tripolis in der Öffentlichkeit auf. Er stand in der Ruine jenes Gebäudes seiner gigantischen Militärfestung Bab al-Azizia, das drei Tage zuvor von einem westlichen Marschflugkörper getroffen und zerstört worden war. Gaddafi schrie wie üblich Hassparolen gegen die angreifenden „Kreuzritter“. Zum Abschluss der gespenstischen Gaddafi-Vorstellung, die vom libyschen Staats-TV live übertragen wurde, brüllte er: „Ich habe keine Angst vor den Flugzeugen, die dunkle Zerstörung herabwerfen. Ich bin zäh. Ich wohne hier in meinem Zelt.“

Eine kleine Schar handverlesener Anhänger jubelte dem „Bruder Führer“ zu, der offenbar mit seinem Auftritt Spekulationen begegnen will, dass er sich angesichts näherrückender Raketeneinschläge schon abgesetzt habe.

US-Außenministerin Hillary Clinton hat in der gleichen Nacht die Information weitergegeben, dass Gaddafi nach einem möglichen Exilort Ausschau halte. „Wir haben das von Leuten aus seinem Umfeld gehört.“ Demzufolge sondieren im Hintergrund libysche Unterhändler rund um den Globus, wo ihr „Revolutionsführer“ notfalls Unterschlupf finden könnte.

Am Mittwochmorgen erwachte Tripolis dann mit neuen Bombeneinschlägen. Im Westen der Großstadt sei eine Militärbasis angegriffen worden, hieß es. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt.

Auf einen Blick

Laut Airforce-Kommandant Greg Bagwell ist die libysche Luftwaffe kampfunfähig. In den vergangenen Tagen wurden 300 Einsätze über Libyen geflogen und 162 Tomahawk-Marschflugkörper abgefeuert.

Auf Tripolis wurden am Mittwochmorgen alliierte Angriffe geflogen. Unterdessen gingen auf dem Boden die Kämpfe in den Städten Misurata, Ajdabiyah und Zintan weiter.