Amanshausers Welt: 232 Laos

(c) Martin Amanshauser
  • Drucken

Der Brite Julian erzählt von der deutschen Entwicklungshilfe in der ärmsten Region eines armen Landes. Zack-Zack! Disco-Tieren! Furzgeräusche!

Julian zog sich in Laos Denguefieber zu, darunter leiden in der Region viele. Eine weitere Gefahr waren die Minen aus dem Vietnamkrieg, der in Südostasien naturgemäß „American War“ genannt wird. Doch was ihn im Dschungel als Praktikant einer großen deutschen Organisation für internationale Zusammenarbeit am meisten verblüffte, war die deutsche Gründlichkeit: Um acht Uhr morgens begann die Arbeit, als Dienstwagen erhielt er das Praktikantenfahrrad. Die Mopeds waren für Privatbenützung verboten, außer, man schrieb den Kilometerstand auf und bezahlte jeden auf den fünf Straßen des Dorfes verfahrenen Kilometer.
Capacity Building: Das war der Ausdruck für seine Tätigkeit, und das ist überhaupt das Lieblingswort der NGO-Leute. Julian – jetzt wieder zurück in Bangkok – betrieb in Laos vier Monate lang Capacity Building. Entwicklungshilfe, erklärt Julian, klinge heutzutage zu sehr von oben herab. Solche Projekte wollen Leute in zurückgebliebenen Regionen (auch das formuliert man jetzt ganz anders) in die Lage bringen, in ihrer Umgebung nachhaltig zu wirtschaften. Das steigert die Produktivität der dortigen Marktwirtschaft und verringert die Armut. Julian hält das im Prinzip für eine ausgezeichnete Idee. Manchmal funktioniert es auch.
Laos ist arm, aber Attapeu, fast an der Grenze zu Vietnam, ist eine der ärmsten Regionen. Und kaum erreichbar: je nach Busklasse fünf bis acht Stunden nach Pakse, in die nächste größere Stadt. Manchmal musste Julian sich ein Busbett mit Einheimischen teilen. Busbetten sind zu kurz für Leute über 1,70, und er redet nicht gerne über diese Nächte. Zu seinen Aufgaben gehörte, erzählt er, auf Fahrten durch die Provinz „den Fortschritt“ zu dokumentieren: bei der Seidenherstellung und beim Kaffeeanbau. Das Hauptproblem bleibt, dass Attapeu keinen Zugang zu Märkten hat.

Ein paar Worte hat Julian aufgeschnappt, nicht Laotisch, sondern Deutsch. Julian findet die Deutschen seltsam. Manche Kollegen liefen daheim, so ein bisschen FKK-mäßig, in extrem kurzen Männerslips herum. Na gut. Aber dann das „Zack-Zack“! (Seine Chefin war eine ungeduldige Person.) Und schließlich war da noch dieses häufige Wort, das ihm auffiel und das er für sich mit „Party animals“ übersetzte: „Disco-Tieren“. Lange Zeit wunderte er sich, wieso sie bei der Arbeit immer schon das Wochenend-Programm besprachen …
Am schlimmsten waren für Julian aber die Fürze, die Deutsche ungeniert über ihre Lippen kommen ließen. Mundfürze! Es dauerte eine Weile, bis er diese Furzgeräusche mit den nach außen gedrehten Handflächen richtig deutete. Die Deutschen machten diese Geste, wenn sie „Keine Ahnung“ sagen wollten, verwendeten sie aber auch bei Schätzungen, Nachdenklichkeit oder überhaupt als Satzzeichen. Julian gewöhnte sich an diese Furzgeräuschgestik, er schätzt sie mittlerweile. Gelegentlich übt er sie sogar selbst vor dem Spiegel, aber es sieht noch nicht so richtig deutsch aus.

Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, www.amanshauser.at

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.