Randerscheinung: Das Jedi-Baby und die Holzbausteine

Bekanntlich lässt man ja nach. In jeder Hinsicht. Je länger das Leben dauert, desto mehr.

Im Umgang mit dem Nachwuchs ist das besonders augenscheinlich. Beim ersten Kind nimmt man sich noch alles Mögliche vor. Unter „modernen“ Eltern erfreuen sich strikte Restriktionen im Bereich Ernährung, Spielzeug und Bildschirmkonsum großer Beliebtheit, da ist es mit der sonstigen legeren Kumpelhaftigkeit im Erziehungsstil schnell einmal vorbei. So durfte mein Erstgeborener die ersten Jahre überhaupt nicht fernsehen, dann nur ausgesuchte Videofilme in Halbstundenhappen. Ein Gameboy und ähnliches Teufelszeug waren undenkbar. Im Autoradio liefen leise Kinderlieder. Noch schlimmer war es beim Essen: Mit Zucker wurde so restriktiv verfahren, dass der Ältere erst mit sechs Jahren bei einem Besuch in einem Kaffeehaus zufällig erfahren hat, dass Menschen in unseren Breiten so etwas in ihre Heißgetränke rühren. Beim Zweiten waren wir schon merklich mürbe, er sah fern, wenn der Ältere fernsah (was so selten nicht war), bekam einen Gameboy, als der Ältere einen bekam, hörte im Auto laut White Stripes und schleckte bei jeder Gelegenheit Eis. Andere Eltern, die sich noch in Restriktionsphase eins befinden, beobachte ich seither mit mildem Lächeln. Als ich neulich nach Hause komme, krabbelt das Baby mit einem Star-Wars-Laserschwert (es macht diese Original-Film-Geräusche, wenn es durch die Luft saust) hinter dem Mittleren her und versucht, ihn in der Mitte durchzuschneiden. Danach holt es sich die Fernbedienung, schaltet den Fernseher ein und isst dem Ältesten seine Nachspeise weg. Die unbehandelten Holzbausteine aus biologischer Baumwirtschaft liegen derweil schon etwas staubig in der Ecke. Ich seufze und baue einen kleinen Turm. Wie gesagt, man lässt nach.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.