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Google: „Wir wissen nicht, wer Sie sind“

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Philipp Schindler, der Europa-Chef von Google, über das Ende traditioneller Werbung im Netz, die Bedrohung durch Facebook und das ungeliebte Bild von der Datenkrake Google.

Wien. „Die Zeiten der traditionellen Werbung im Internet sind vorbei“, sagt Googles Europa-Chef, Philipp Schindler. Seine Stimme hat Gewicht, spricht er doch für jenen Konzern, der seit Jahren den Löwenanteil am digitalen Werbekuchen für sich beanspruchen kann. Im Vorjahr verdiente die weltgrößte Suchmaschine damit etwa 8,5 Mrd. US-Dollar.

Die Kunden wahllos mit „Werbung zu bombardieren“ sei sinnlos, sagt Schindler. Die Menschen würden nur noch für sie relevante Information registrieren. Der Versuch herauszufiltern, was relevant ist, ist Googles Kerngeschäft. Heute nutzt der Konzern dafür die Begriffe, die Nutzer in die Suchmaschine eingeben. Stimmen die Prognosen der Marktforscher, dass in wenigen Jahren das Internet vor allem unterwegs am Handy genutzt wird, „stehen uns mehr Signale zur Verfügung“, sagt Schindler.

 

Zahllose Daten über alle Nutzer

Der Konzern weiß dann nicht nur, was seine Nutzer suchen, sondern etwa auch, wo sie sich gerade befinden. Für Google ist es dann ein Leichtes, etwa passende Restaurants in der Umgebung zu empfehlen. Alles, was dafür gebraucht wird, sind Daten, Daten, Daten.

Manch einem Nutzer ist das längst nicht mehr geheuer. So brachten im Vorjahr Proteste von Datenschützern in Europa das Projekt „Google Street View“ vorübergehend zum Erliegen. In Österreich gab die Datenschutzkommission zwar grünes Licht. Noch hat Google seine Kamerawagen aber nicht wieder auf Österreichs Straßen geschickt. Für andere Angebote sammelte Google etwa Datenschnipsel aus privaten WLAN-Netzwerken. All das ist Datenschützern ein Dorn im Auge.

„Wir haben keine Sammelwut“, rechtfertigt sich Schindler. Google interessiere sich lediglich für jene Daten, die für neue Dienste benötigt würden. Personenbezogene Informationen seien uninteressant: „Wir wissen nicht, wer Sie sind, wir wissen nicht, wo Sie wohnen.“

 

Klares „Nein“ zu Internetmaut

Wenn in zwei Wochen der Google-Gründer Larry Page die Führung des Konzerns übernimmt, hat er mit mehr zu kämpfen als mit Datenschutzproblemen. Denn je größer Google wird, desto reicher, aber auch desto langsamer wird der Konzern. Noch boomt das Kerngeschäft. Neue Produktfelder wie „Google TV“ sind aber gefloppt. Andere, wie das Handy-Betriebssystem Android, haben Erfolg, bringen aber noch kaum Geld.

Und im Kampf um Werbeetats ist mit dem sozialen Netzwerk Facebook ein ernsthafter Konkurrent herangewachsen. Werden neue Gelder für Onlinewerbung frei, wandern sie heute zu Facebook. „Das Web wird sozial“, sagt auch Schindler. Trotz zweier gescheiterter Anläufe mit „Buzz“ und „Orkut“ sieht er Google hier noch im Rennen: „YouTube ist das zweitgrößte soziale Netzwerk im Netz.“

Diese Google-Tochter ist aber noch mehr: der Stein des Anstoßes für einen Streit zwischen Google und Telekom-Netzbetreibern. Mit zwei Milliarden gestreamten Videos pro Tag ist YouTube für einen großen Teil des Datenaufkommens im Internet verantwortlich. Mobil ist jedes dritte Byte, das versandt wird, Teil eines YouTube-Videos. Dafür, dass diese ohne Ruckeln übermittelt werden, wollen die Telekom-Firmen nun eine zusätzliche Gebühr von Google. Erst im Sommer sah es so aus, als gäbe es eine Annäherung. Google einigte sich mit dem US-Netzbetreiber Verizon darauf, dass zumindest im mobilen Internet unterschiedliche Geschwindigkeiten möglich sein sollen. „Wir sind aber nicht bereit, für ein schnelleres YouTube zu bezahlen“, sagt Schindler. Er verstehe zwar, dass die Telekom-Firmen, ihre Netze managen müssten, unterschiedliche Anbieter müssten aber gleich behandelt werden. Damit dürften die Kosten für den Netzausbau beim Endkunden landen.

Auf einen Blick

Philipp Schindler ist Googles
Vizepräsident für Nord- und Zentraleuropa. Er hält das mobile Internet für „den größten Trend, den unsere Generation miterleben wird“. Schon 2015 soll das Internet vor allem mobil über das Handy genutzt werden. Google beschert das eine ungeahnte Datenfülle. So weiß der Konzern dann nicht nur, was seine Nutzer suchen, sondern auch, wo sie sich befinden. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2011)