Missbrauch: Kirche erstattet in 125 Fällen Anzeige

BISCHOFSKONFERENZ IN BRIXEN Missbrauch
Bischofskonferenz in Brixen(c) APA/ROBERT PARIGGER (Robert Parigger)

Bei 499 Personen hat sich der Verdacht auf sexuellen oder physischen Missbrauch erhärtet, aber die meisten Fälle sind verjährt, zogen die Bischöfe Bilanz. Die Urteile in der Kreuz-Debatte seien "bahnbrechend".

Die Kirche hat im vergangenen Jahr 125 mutmaßliche Missbrauchsfälle zur Anzeige gebracht. Das berichtete Kardinal Christoph Schönborn am Freitag nach der Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz im Südtiroler Brixen. Bei insgesamt 499 Personen habe sich der Verdacht erhärtet, dass sie Opfer von Übergriffen im kirchlichen Bereich geworden sind. Schönborn zeigte sich in einer Pressekonferenz am Freitag in Wien mit den Richtlinien gegen sexuellen Missbrauch zufrieden.

Eine strafrechtliche Relevanz sei bei 4,4 Prozent der Fälle - also bei 22 der 499 mutmaßlichen Opfer - wahrscheinlich. Um aber keinesfalls eine mögliche strafrechtliche Relevanz zu übersehen, seien von kirchlicher Seite dennoch 25,1 Prozent - also 125 Fälle - zur Anzeige gebracht worden, betonten die Bischöfe in einer Erklärung nach der Vollversammlung.

Klasnic will bis zu vier Jahre weitermachen

Als "wichtige Hilfe" bezeichnen die Bischöfe die von Waltraud Klasnic geleitete "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft", die nunmehr seit knapp einem Jahr existiert. Selbst die von den Bundesländern selbst eingerichteten Kommissionen würden sich an diesem Modell orientieren. Schönborn zeigte sich überzeugt, dass das Krisenjahr 2010 "auch etwas Befreiendes hat".

Klasnic sagte, dass sie ihre Tätigkeit "zumindest drei bis vier Jahre" ausführen wolle. Inzwischen haben sich mehr als 800 Betroffene bei der eingerichteten achtköpfigen "Opferschutzanwaltschaft" gemeldet, 167 Entschädigungszahlungen wurden bisher geleistet. Das Geld stammt aus einer eigenen Opferschutzstiftung, die Mitte September ins Leben gerufen wurde. Schönborn betonte immer wieder, dass das Geld nicht aus dem Kirchenbeitrag stamme, sondern aus anderen Mitteln.

Zum Fall des mittlerweile aus dem Amt geschiedenen Salzburger Dompredigers Peter Hofer wollte sich Schönborn nicht näher äußern, da er für diese Erzdiözese weder zuständig noch kompetent sei. Nur so viel: "Wenn Jesus eine Sache ständig kritisiert hat, dann ist es die Heuchelei."

"Bahnbrechende" Kreuz-Urteile

Die Kreuz-Urteile des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) seien "bahnbrechend", so die Bischöfe. Sie sehen darin eine "Stärkung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit und eine Wahrung der Rechte von Eltern und Kindern auf religiöse Erziehung".

Durch die Entscheidungen der Höchstrichter sehen die Bischöfe das Vertrauen der Bürger in die durch Verfassung und Menschenrechtskonvention garantierten Grundrechte gestärkt. Beide Urteile würden das Kreuz als religiöses und kulturelles Symbol anerkennen, das in den vom Christentum geprägten Ländern Europas ein "wichtiges Element einer gemeinsamen Identität" sei. Es werde auch klar festgehalten, dass vom Kreuz kein Zwang ausgehe und es als "passives Symbol" nicht indoktriniere.

Website für Ausgetretene

Thema bei der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe war auch das angestrebte Volksbegehren gegen angebliche Privilegien der Kirche. Allerdings seien die Positionen der Initiatoren so "diffus" und "konfus", dass es erst einmal einer rechtlichen Klärung bedürfe. Schönborn: "Wir warten einmal, ob die Standards in dieser Initiative sich halbwegs den österreichischen Rechtsstandards angleichen."

Seit Freitag ist auch eine neue Website der katholischen Kirche online, die Ausgetretene wieder zur Rückkehr bewegen soll. Dort berichten auch wieder Eingetretenen über ihre Beweggründe. "Die Türen der Kirche sollen offen stehen", so Schönborn. Und generell zur jüngsten Austrittswelle: "Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir jemals einen spannungsfreien Zustand bekommen - das wäre ein toter Zustand."

"Verschwenderischen Lebensstil ändern"

Angesichts der Katastrophe in Japan sei ein "ernsthaftes Überdenken der Energiepolitik" und die Förderung umweltfreundlicher und erneuerbarer Energieformen erforderlich. Gleichzeitig sei eine "Änderung unseres verschwenderischen Lebensstils" nötig.

Die Bischöfe äußerten zugleich tiefe Betroffenheit über die "Bilder entsetzlichen Leids" aus Japan, zitierte Kardinal Christoph Schönborn am Freitag in einer Pressekonferenz aus der Erklärung. In Österreich und in ganz Europa sei man an den Super-GAU von Tschernobyl vor 25 Jahren erinnert, dessen Folgen noch heute spürbar sind. Die jetzt drohende Atomkatastrophe zeigt laut den Bischöfen erneut auf, "dass die Atomtechnologie eine Hochrisikotechnologie mit großen Gefahren für die heute Lebenden und für nachfolgende Generationen ist".