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Gab es da was?

Wien und das Bauhaus: Die Verbindungen sind eher lose. Doch auf dem Gebiet des Wohnbaus gibt es einige sichtbare Spuren: Carl Auböck, Anton Brenner – und Marcel Breuer. Aus Anlass der Breuer-Ausstellung im Hofmobiliendepot: ein Überblick.

Es war, so sagte Marcel Breuer später, die unglücklichste Zeit seines Lebens. Die Rede war von der kurzen Zeitspanne (nach eigenen Angaben: einigen Stunden), die der aus dem südungarischen Pécs stammende Maturant dank eines Stipendiums an der Wiener Kunstakademie verbrachte. Breuer hielt es danach immerhin einige Wochen im Büro des Architekten Hans Bolek aus. Letztlich konnte den ehrgeizigen Breuer die Formensprache des Josef-Hoffmann-Schülers aber nicht fesseln. Zu sehr lockte das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus.

Die aktuell in Wien zu sehende Ausstellung zum Möbeldesigner und Architekten Marcel Breuer, die das Hofmobiliendepot vom Vitra Design Museum im schweizerischen Weil am Rhein übernommen hat, bietet einen Anlass zu Reflexionen über das Thema Wien und das Bauhaus. Gab es da was? Auf Anhieb will einem nicht viel einfallen. Die Moderne hatte in Wien schon vor der Jahrhundertwende mit der Secession ihren Paukenschlag und mit Adolf Loos und Oskar Strnad wenig später eine eloquente und geistreiche skeptische Revision erlebt. Nach 1918 war in dem geschrumpften Land, so schien es, ein wenig die Luft raus aus der Architekturmoderne. Das Rote Wien setzte auf ein kostengünstiges Arbeitsbeschaffungsprogramm mit Massivmauerwerk, tragendenWänden und genormten Sprossenfenstern. Experimente waren nicht gefragt.

Dennoch existierte nach dem Ersten Weltkrieg in Wien vorübergehend eine (derzeit auch in einer Ausstellung im Unteren Belvedere behandelte) lebendige Avantgarde-Szene, zu großen Teilen bestehend aus linksgerichteten ungarischen Künstlern, die nach der Niederschlagung der Räterepublik das Land verlassen hatten: Lajos Kassák gab in Wien die Zeitschrift „MA“ (Heute) heraus, in der Kurt Schwitters, Oskar Schlemmer, Tristan Tzara, El Lissitzky und Alexander Archipenko publizierten. Unterstützt wurde Kassák von seinen Landsmännern Sándor Bortnyik und László Moholy-Nagy.

Seit 1916 in Wien ansässig, betrieb außerdem der Schweizer Johannes Itten eine private Malschule. Auf Initiative von Adolf Loos stellte Itten 1919 in der Künstlervereinigung „Freie Bewegung“ in der Kärntner Straße aus. Während seiner Wiener Zeit befasste er sich nicht nur intensiv mit der auf Meditation und Vegetarismus basierenden Mazdaznan-Lehre, sondern auch mit Alfred Rollers ganzheitlichem pädagogischem Konzept an der Kunstgewerbeschule, der heutigen „Angewandten“. Eine Berufung an die Hochschule lehnte Itten 1919 jedoch ab und folgte dem Ruf des Bauhaus-Gründungsdirektors Walter Gropius nach Weimar. Mit Itten gingen mehr als 20 Schüler und Mitarbeiter, neben den Ungarn Gyula Pap und Margit Téry unter anderem Franz Singer, Friedl Dicker, Franz Probst, Franz Skala und Carl Auböck. Wenig später zogen auch Moholy-Nagy, Sándor Bortnyik und der junge Marcel Breuer nach Weimar. Mit seinen – angeblich vom Lenker seines Fahrrads inspirierten – Stahlrohrmöbeln stieg Breuer schnell zum Star der Tischlerwerkstatt auf.

Insgesamt war die Österreicherquote am Bauhaus eher gering. Franz Singer und Friedl Dicker eröffneten nach ihrer Rückkehr ein Atelier in Wien, Franz Skala führte, begeistert von Ittens Mazdaznan-Praxis, neben seiner künstlerischen Tätigkeit bis in die Sechzigerjahre ein vegetarisches Restaurant und eine Turnschule am Petersplatz, deren Einrichtung er selbst entwarf. – In Dessau unterrichtete, nachdem er einige Zeit mit Franz Schuster und Margarete Schütte-Lihotzky im kommunalen Wohnbau in Frankfurt am Main gearbeitet hatte, der Wiener Architekt Anton Brenner, dessen Spezialgebiet komplex verschränkte Siedlungen waren. In seinen von der Presse als „Wohnmaschine“ titulierten Gemeindebau in der Rauchfangkehrergasse zog er mit Frau und zwei Kindern selbst ein. Einbauschränke, Klappbetten und ein intelligentes Grundrisskonzept boten auf 38 Quadratmetern ausreichend Platz, auch noch für ein Planlager und zwei Arbeitsplätze. Brenners ebenerdige Atriumhäuser in der Werkbundsiedlung haben überlebt, während sein funktionalistisches Jugendheim in der Krottenbachstraße in den Achtzigerjahren zerstört wurde.

Marcel Breuer plante derweil minimalistische Einrichtungen unter anderem für den Theaterregisseur Erwin Piscator und dessen Frau. Obwohl man im durch die Stahlrohr-Verächter Adolf Loos und Josef Frank geprägten Wien Metallmöbeln skeptisch gegenüberstand, war der Eindruck der vielfach publizierten Wohnung nachhaltig. So findet sich etwa der charakteristische wandbreite Hängeschrank mehrfach in Wiener Einrichtungen wieder.

1937 entwarf Breuer ein Skihotel für Obergurgl – die Ausführung unterblieb nach dem „Anschluss“. Breuer, der jüdischer Herkunft war, lebte zu dieser Zeit wie Herbert Bayer und Walter Gropius bereits in den USA. In Lincoln/Massachusetts baute sich der frisch gebackene Harvard-Dozent ein außen kompaktes und schlichtes, innen aber räumlich offenes Junggesellenheim auf mehreren Ebenen. Franz Singer war nach England geflohen. Friedl Dicker leitete bis zu ihrer Ermordung Kindermalkurse im Ghetto Theresienstadt. Teile der spektakulär modernen Bauten des Duos Singer/Dicker fielen dem Krieg zum Opfer, bei anderen setzte die Stadt Wien in den Sechzigerjahren die Abrissbirne an, als sollten die Spuren einer idealistischen internationalen Moderne noch posthum getilgt werden – etwa beim Gästehaus Heriot in der Rustenschacherallee mit seinem glamourösen zylindrischen Glaslift.

Carl Auböck kehrte nach seinem Studium nach Wien zurück, um die noch heute existierende Metallwerkstätte seines Vaters zu übernehmen. In der Nachkriegszeit hinterließ sein gleichnamiger Sohn immerhin einige architektonische Spuren in Wien, etwa die den Geist der Moderne atmenden Wohnhausscheiben in der Vorgartenstraße oder die gemeinsam mit Roland Rainer entwickelte Fertighaussiedlung in der Veitingergasse. Mit der an den USA orientierten Siedlung schließt sich der Kreis zur emigrierten Bauhaus-Moderne. Die Häuser von Ernst Plischke, Roland Rainer, Carl Auböck, Karl und Eva Mang atmen mit ihren offenen Grundrissen, geschützten Wohnhöfen und Glaswänden denselben freien Geist wie die von Gropius und Breuer. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)