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Am Ende des achten Tages

Meine Freundin Mihoko beantwortet endlich meine Mails und sendet aus Kyoto: Alles okay bei ihr. Für alle Fälle habe sie aber ihren Notrucksack gepackt. Als wolle sie mich beruhigen.Eine persönliche Chronologie der Katastrophe.

Am Ende des achten Tages hat Libyen Japan aus den Schlagzeilen verdrängt. Der Tross ist weitergezogen. Die Wochenendzeitungen sind zu Medienkritik übergegangen und zu Hintergrundberichten. Japanexperten, die in der Regel nur dann gefragt werden, wenn etwas passiert, dürfen jetzt sogar schon die Feinheiten der japanischen Sprache erklären, nachdem die seit einer Woche wieder und wieder gestellte Frage: Warum sind die Japaner so ruhig und gelassen angesichts der Katastrophe? in den Köpfen der Medien-Verantwortlichen wohl mittlerweile in die Kategorie: Hatten wir schon, wir brauchen etwas Neues gereiht worden sind.

Der Satz, die größte Tugend der Japaner ist ihre Disziplin, wurde ebenfalls bereits vielfach strapaziert.

Keine Lügen mehr – lautet der Aufmacher der „Zeit“ eine Woche „danach“, in rosafarbenen Lettern auf knallgelbem Hintergrund und der bröckelnden, strahlenden Erdkugel mit dem AKW-Symbol. Dazu der Text: „Es hieß: unsere Atomkraftwerke sind sicher. Naturkatastrophen bändigen wir mit Technik. Sicherheit geht vor wirtschaftlichen Interessen. Atomausstieg ist schlecht. Laufzeitverlängerung ist gut. Der GAU von Fukushima und das Leid der Menschen in Japan stellen all dies infrage. Und verlangen einen neuen Blick auf die Welt. Frei von Propaganda – aber auch von parteipolitischer Instrumentalisierung.“

Am Tag 4 hat die deutsche Regierung bekannt gegeben, die Laufzeitverlängerung für AKW auszusetzen. In Baden-Württemberg stehen am 27. März Landtagswahlen an. In den Medien werden die Folgen von Fukushima auf die Atompolitik in Europa diskutiert. Das bayrische AKW Isar I wird vom Netz genommen. Am selben Tag weiß das Fernsehen zu berichten: Gefasst reagieren die Börsen auf die Katastrophe in Japan.

Gefasst wie die Japaner selbst? Wie ist die Mentalität der Japaner im Allgemeinen, fragt mich die Reporterineines regionalen Privatsenders in diesen Tagen. Ich stelle die Gegenfrage: Wie ist die Mentalität der Österreicher im Allgemeinen?

Der österreichische Bundeskanzler kündigt am Tag 7 jedenfalls an, er wolle sich jetzt auf europäischer Ebene für einen Ausstieg aus der Kernenergie stark machen. Am Tag 12 hält der Nationalrat in Wien eine Sondersitzung ab. Die Opposition wirft der Bundesregierung Versagen im Umgang mit der Atompolitik vor – vor allem, was Bemühungen um einen Ausstieg aus der Kernenergie in der EU betrifft.

Am Tag 4 ruft die österreichische Botschaft, die kurze Zeit später ihren Sitz nach Osaka verlegen wird, alle Österreicher auf, das Land zu verlassen. Meine österreichische Freundin bleibt in Tokyo, hat aber keine Zeit für längere Telefonate. Meine Freundin Mihoko beantwortet endlich meine Mails und sendet aus Kyoto: Alles okay bei ihr, für alle Fälle habe sie aber ihren Notrucksack gepackt. Als wolle sie mich beruhigen.

Mein Tag 1 beginnt mit einem Flashback. 17. Jänner 1995. Das Epizentrum lag bei Kobe, ich selbst war im rund 50 Kilometer entfernten Kyoto, und es hatte mich aus dem Bett geworfen, kurz vor 6 Uhr morgens. Einige Tage lang schickte ich Berichte über die Katastrophe nach Österreich. Nie kann ich die Bilder vergessen, von den wie Kartenhäuser zusammengefallenen Holzhäuschen und von der geknickten Stelzenautobahn. Unvergessen auch die Fahrt nach Kobe einige Tage später, stundenlang im Auto auf Nebenstraßen, gemeinsam mit Freunden, die unter den Trümmern ihres eingestürzten Elternhauses nach irgendwelchen Dingen suchten; der Schock, der ihnen ins Gesicht geschrieben war. Stärke 7,2 hatte das Beben damals, fast 6500 Tote, und noch Jahre später, als Kobe längst wieder aufgebaut war, lebten angeblich immer noch Menschen in provisorischen Häusern am Rande der herausgeputzten Stadt, Menschen, die irgendwie übersehen worden sind.

Der Sog der Bilder zieht mich hinein. Die Hysterie wirkt ansteckend. Das Web holt die Tragödie ins Wohnzimmer. Ich pendle zwischen ustream-tv NHK und TBS im Netz und diversen hiesigen Fernsehsendern und versuche gleichzeitig mit den Informationen auf der Mailing-Liste Japan und all den anderen Internetseiten Schritt zu halten. Das permanente Gefühl, etwas versäumt oder überhört zu haben. Falsch verstanden zu haben. – Die Bilder der verwüsteten Landstriche, die die Wucht des Tsunamis zurückgelassen hat, erinnern mich an die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Hiroshima nach dem Atombombenabwurf.

„Plutoboy“ fällt mir ein. Ich durchforste die Ordner mit den vielen Radiosendungen der vergangenen rund 15 Jahre zu Japan.

1996 hatte ich eine Sendung über Bürgerbewegungen gemacht, mit dem Titel: „Das andere Gesicht Japans“. Ich wollte die Stimme jener hörbar machen, die in Japan allzu oft ungehört bleiben. Die Anti-Atombewegung ist ein Teil davon. In Kyoto traf ich Maura Hurley, eine amerikanische Mitarbeiterin der NGO Green Action. Green Action sammelte Unterschriften für eine Petition zum Ausstieg aus dem Programm der Schnellen Brüter. Der Reaktor Monju in Fukui am japanischen Meer wurde im August 1995 angefahren. Bereits im Dezember 1995 kam es zu einem Störfall, bei dem große Mengen Natrium durch ein Leck im Kühlsystem austraten. Die Reaktion zwischen Natrium und Feuchtigkeit in der Luft führte im Reaktor zu Temperaturen von rund 1000 Grad. Metall schmolz. Im Jänner 1996 beging ein ranghoher Mitarbeiter der Betreibergesellschaft Selbstmord. Kurz zuvor war aufgeflogen, dass führende Mitarbeiter versucht hatten, Videobänder vom Störfall vor den Ermittlern der Regierungsbehörde zu verstecken und sie nur stark zensuriert der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Öffentlichkeit wurde vom Störfall zu spät informiert. Maura Hurley erzählte mir auch die Geschichte von Plutoboy: Die Betreibergesellschaft hatte ein Video für Volksschulkinder in der Region produziert. Das Video zeigte eine herzige Zeichentrickfigur namens Plutoboy. Der erklärte den Kindern, dass es ungefährlich sei, aus einem Behälter mit Plutonium und Wasser zu trinken, weil das Plutonium schwerer sei und daher zu Boden sinke. Und auch, dass sich Plutonium nicht für die Herstellung von Atomwaffen eigne. Nach heftigen Protesten wurde das Video schließlich zurückgezogen, der Inhalt aber nie richtiggestellt. Im Mai 2010 wurde der Testbetrieb von Monju wieder aufgenommen. Ziel: Regelbetrieb ab 2013.

Endlich schreibe ich Frau Ogino, auf deren Festnetzanschluss sich immer nur dieselbe Durchsage der japanischen Telefongesellschaft meldet, einen Brief nach Kyoto. Als ich ihn bei der Post abgebe, kommt es mir vor, als habe ich eine Flaschenpost ins Meer geworfen. Sohn Ogino habe ich am Handy erreicht, er ist wie immer um diese Zeit in Nordthailand, wo er sich seinen Alterssitz einrichtet und Thailändisch lernt. Mihoko hat – wohl auf mein Drängen – ihre Mutter in Bewegung gesetzt, die Frau Ogino einen Besuch abgestattet hat und ebenfalls nur Beruhigendes zu berichten weiß. Kein Erdbeben in Kyoto. Kein Tsunami. Fukushima weit weg, erklären sie der Ausländerin in der Ferne geduldig, als könne die das ja nicht wissen.

Zu dem Flashback, das ich in diesen Tagen habe, gehört auch die Erinnerung daran, wie Frau Ogino damals, im Jänner 1995, auf das schwere Erdbeben reagierte. Nicht nur dass die Endsiebzigerin damals zu Fuß ihre Verwandten suchte. Äußerlich überaus ruhig und gelassen zeigte sich ihre Erschütterung auch darin, dass sie ihre Schlafstätte vom Erdgeschoß in den ersten Stock verlegte, weil beim Vertikalbeben in Kobe alte Holzhäuser wie ihres so eingestürzt waren, dass der obere Stock alles darunterliegende zusammenpresste und unter sich begrub. Vor allem alte Menschen lebten in Häusern wie diesen. Damals wie heute sehen sie und ich dieselben Bilder – obwohl ich damals in derselben Stadt war und wir heute Tausende Kilometer weit voneinander entfernt sind. Die Bilder der vielen Alten, die gestorben sind, weil sie nicht mehr rechtzeitig vor dem Tsunami aus den Alten- und Pflegeheimen evakuiert werden konnten. Bilder von Waisen gewordenen, schwer traumatisierten Kindern, deren Eltern weggerissen wurden und die ihre Enkel sein könnten. Sie sieht die Bilder der verwüsteten Landstriche, in denen nur ein paar Ruinen stehen geblieben sind.

Vielleicht gehen auch Frau Oginos Gedanken heute 66 Jahre zurück nach Hiroshima, in eine Zeit, als sie eine junge Frau war, und vielleicht fällt auch ihr die Geschichte des Mädchens Sadako ein, die in Japan jedes Kind kennt. Wer tausend Kraniche aus Papier faltet, dem erfüllen die Götter einen Wunsch. Sadako, die im August 1945 zweieinhalb Jahre alt war, glaubte an die alte Sage, als sie Jahre nach dem Abwurf an Leukämie erkrankte. Wie viele Origami sie gefaltet hat, weiß man nicht, aber die Götter hatten kein Einsehen mit ihrem Wunsch, am Leben zu bleiben. Sie starb im Oktober 1955.

Wird Japan jetzt aus der Atomkraft aussteigen? Und: wieso hat ausgerechnet Japan überhaupt je auf die „friedliche Nutzung der Kernenergie“ gesetzt? Diese Fragen von Tag 1 an.

Als der ganze Wahnsinn am Höhepunkt ist, dringt eine Stimme zu mir. Eine kluge, kritische Stimme. Kenzaburo Oe hat sich zu Wort gemeldet: Die Errichtung von Atomkraftwerken in Japan sei der schlimmste Verrat an den Atombombenopfern von Hiroshima und Nagasaki, sagt der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1994 in einem Artikel im „New Yorker“. Oe, der stets unbequeme, kritische Intellektuelle, der unermüdlich auf die wunden Punkte in der japanischen Gesellschaft aufmerksam macht, stellt die Frage: „Was haben wir aus Hiroshima gelernt?“ Die Bedeutung dieser Katastrophe sei eindeutig: „Die japanische Geschichte ist in eine neue Phase eingetreten, und noch einmal müssen wir die Dinge aus der Perspektive von Opfern der Atomkraft betrachten. Die Lektion, die wir aus der gegenwärtigen Katastrophe lernen, wird davon abhängen, ob die Überlebenden ihre Fehler wiederholen.“

Immer schon, sagt der seit Jahren in der Friedens- und Anti-Atombewegung Engagierte, habe er die Geschichte des modernen Japan aus dem Blickwinkel dreier Gruppen von Menschen schreiben wollen: derer, die bei den Atombombenabwürfen gestorben sind, derer, die bei den Atomversuchen im Pazifik atomarer Strahlung ausgesetzt waren, und derer, die zu Opfern von Unfällen in Atomkraftwerken wurden.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben! Als am 15. August 1945 der Tenno, Kaiser Hirohito, via Radio zu den Menschen sprach, um die Kapitulation zu verkünden, waren die Menschen starr vor Entsetzen und brachen in Tränen aus. Kenzaburo Oe, damals zehn Jahre alt, erzählte mir einmal in einem Interview, was für ein Schock das für ihn gewesen war. Was der Kaiser gesagt habe, habe er kaum verstanden, aufgrund der schwierigen Sprache, die er benutzte: „Der größte Schock aber war, dass der Tenno, der ja Gott war, mit der Stimme eines Menschen sprach!“

Als sich am 6. Tag nach 03/11 der Sohn, Kaiser Akihito, in einer Fernsehansprache ans Volk wendet, sich „zutiefst besorgt“ angesichts der Ereignisse nach dem schweren Erdbeben äußert, das von „noch nie gesehenem Ausmaß“ gewesen sei, und davon spricht, dass die Probleme in den japanischen Atomreaktoren nicht vorhersehbar gewesen seien, reagieren viele mit Postings im Netz. Die Menschen bedanken sich für seinen Auftritt; manche fordern ihn sogar direkt (!) dazu auf, er möge doch, bitte, sobald es möglich sei, ins Katastrophengebiet reisen, um den Menschen dort Trost zu spenden.

Und viele reagieren mit dem kaisertreuen Spruch: Tenno Heika Banzai oder mit: Nippon Banzai, und mit der Forderung: Lasst uns nun Japan gemeinsam wieder aufbauen! Einer schickt den Text der japanischen Nationalhymne Kimigayo mit, die den Wunsch auf ewige Herrschaft des Kaisers ausdrückt. Ein anderer schreibt: Ganz Japan ist eine Familie, jetzt müssen wir alle zusammenhalten.

Der Risikoforscher im TV-Studio sagt am Tag 6: Der Super-GAU ist längst eingetreten. Und spricht von „Menschenopfern“ – den Arbeitern, die in den beschädigten Reaktoren zu retten versuchen, was noch zu retten ist. Die Arbeiter in den verstrahlten Reaktoren – nehmen sie ihr Schicksal freiwillig in Kauf? Oder wurden sie dazu gezwungen? Der Boulevard bei uns weiß es jedenfalls: Kamikaze-Mission. Regierung: Retter müssen in Strahlenhölle.

„Wir werden Japan neu aufbauen“, sagt der Ministerpräsident am Tag 8.

Der Kurs des Yen ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Die G7 einigt sich auf eine Intervention auf dem Devisenmarkt. Ich frage mich, weshalb die Währung eines Landes steigt, das gerade die größte Katastrophe der Nachkriegszeit erlebt und in dem immer noch nicht sicher ist, ob es nicht noch auf die atomare Megakatastrophe zusteuert.

Am Flughafen Narita drängen sich ausreisewillige Menschen. Wer sind sie und wohin werden sie gehen?

Im Netz findet sich ein Bild mit der Unterschrift: Ein Helikopter der US Navy bringt Hilfsgüter vom Transportschiff USNS Matthew Perry. Marineoffizier Matthew C. Perry – das war der Kommandant der „Schwarzen Schiffe“, mit denen er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Öffnung Japans aus seiner selbst auferlegten Abschottung vom Rest der Welt erzwang.

Tag 9. Die Bilderflut scheint eingedämmt. Am Tag 10 werden noch zwei Überlebende gefunden. In den kommenden Tagen muss die Zahl der Todesopfer, die Beben und Tsunami gefordert haben, ständig nach oben korrigiert werden. Beruhigende und beunruhigende Nachrichten aus den havarierten Reaktoren von Fukushima wechseln einander ab. Am 13. Tag ist Japannur mehr eine Meldung unter vielen.

In wenigen Wochen und Monaten wird, so ist zu vermuten, das Interesse an Japan wieder in jenem schwarzen Loch versinken, aus dem es so urplötzlich herausgeschossen ist. Außer freilich die Natur meldet sich nochmals mit noch größerer Vehemenz; außer es gelingt doch nicht, die Technologie, die unbeherrschbare, in den Griff zu kriegen. Die eine Zeile aus dem Zauberlehrling ist seit Tagen als Endlosschleife in meinem Kopf. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)