Kafkas Karl im Glück: „Amerika“ in Klagenfurt

(c) Stadttheater Klagenfurt
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Kann man einen Kafka-Roman dramatisieren? Eigentlich nicht. Bernd Liepold-Mosser hat es trotzdem gewagt - und gewonnen. Die Rockband Naked Lunch hat ihm mit scheinbar naiven American Songs geholfen.

Nein, Kafkas unvollendeter, unfassbarer Roman „Amerika“, von ihm selbst lieber „Der Verschollene“ genannt, ist nicht ohne wesentliche Verluste zu dramatisieren. Es ist unmöglich, Kafkas schmerzhaft klare Prosa in Regieanweisungen zu übersetzen; das „sprühende elektrische Licht“, von dem er schreibt, ist keinem Lichtdesigner zuzutrauen; ein Essen, das „langsam wie eine Plage vergeht“, kann der beste Regisseur nicht servieren.

Umso höher ist es Bernd Liepold-Mosser anzurechnen, dass er aus „Amerika“ fesselndes Theater gemacht hat, das Kafka nicht völlig gerecht wird – das wäre unmöglich –, aber seiner verstörenden Welt nahekommt. Einer Versuchung hat er nicht nachgegeben: der allzu naheliegenden Interpretation, dass der Roman, weil er in der Beschwörung des weltgrößten Theaters mündet, eine Theaterwelt zeichne. Nein, das „Naturtheater von Oklahoma“ bleibt unsichtbar, bis auf die Schlussszene, ein starres Ballett mit marionettenhaften Engeln, dem Karl Roßmann entkommt, indem er in den Bühnenhintergrund geht, immer weiter, in den Nebel hinein.

Immer weiter weg vom Zuhause

Dieses – gerade noch nicht allzu suggestive – letzte Bild der Inszenierung ist das einzige, in dem ein albtraumhaftes Motiv des Romans bebildert wird: dass Wege wuchern, während man sie geht. Das Amerika, in das Roßmann flieht, ist ein Land der schier unendlichen Häuserzeilen, Zimmerfluchten, Straßen. Wie im „Schloss“ gibt es für die Hauptperson in dieser Anti-Odyssee kein Näherkommen, schon gar kein Heimkommen. Auf dem Theater muss diese niederschmetternde Dynamik notgedrungen in eine Abfolge von Zuständen übersetzt werden: Das Bühnenbild von Rainer Sinell löst das durch kubische Zellen, in denen die Szenen spielen, dazwischen ragen Leitern und Treppen.

Zwischen den Szenen steht die Band Naked Lunch, grau in grau gekleidet, im Vordergrund und spielt die Art von Songs, die diese Band spielen kann wie wenige andere. „Songs For The Exhausted“ hat sie das einmal genannt: Lieder für die Erschöpften, resignativ und tröstlich zugleich. Raststationenlieder. Ein „Roadhouse Blues“ für den getriebenen Karl Roßmann? Noch dazu mit allen kanonischen Americana-Versatzstücken, vom „Last Waltz“ bis zum „Promised Land“? Ist das nicht zu naiv? Nein. Es stimmt, gerade, weil es nicht passt. Weil es die Kafka-Welt zauberhaft transzendiert.

Dass diese entstehen kann, ist vor allem den Schauspielern zu danken: Robert Stadlober ist ein glaubhaft gutgläubiger Karl Roßmann, ein Schüler, der von allen Seiten gebildet wird. Er lernt mit großen Augen, dass die „Sache der Gerechtigkeit“, von der er in der ersten Szene schwärmt, wieder und wieder vertagt wird. Und dass sie sich nicht festnageln lässt. Die Personen, die richten und urteilen, sind nur scheinbar zuverlässig, und sie kommen und gehen unberechenbar. So ist es sinnvoll, dass alle Schauspieler außer Stadlober je zwei Figuren verkörpern. Unter den Männern gibt etwa Erwin Windegger den Onkel und den Personalchef: unnahbare Autorität und dabei auf fast kabarettistische Art komisch. Daniel Doujenis ist ein virtuos strizzihafter Delamarche.

Die bedrohlichsten Angriffe auf den Lehrling des Lebens sind bei Kafka freilich die Verführungsversuche von Frauen. Die walkürenhafte Dagmar Hellberg ist erst die lüstern-gütige Oberköchin, dann die träge Brunelda, schon mehr Naturgewalt als Person, die Verwandlung ist erstaunlich überzeugend. Nadine Zeintl übernimmt die Mädchenrollen, sie gibt die „tolle Katze“ Klara als blondes Punk-Teuferl (die Karl beim Klavierspielen scheitern lässt: eine subtil inszenierte Impotenzmetapher), die ständig weinende Therese als Verkörperung von Leid und Mitleid zugleich, schließlich noch den Engel Fanny mit der Trompete.

In einer Verwandlung, nachdem Karl von Oberkellner, -portier und -köchin der Prozess gemacht worden ist, springt Zeintl über die Bühne, als wäre sie ein Kind, das Himmel und Hölle spielt. Spätestens nach dieser zarten Szene lieben sie alle. Stadlober und sie wurden vom begeisterten Premierenpublikum am meisten bejubelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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