Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Libyen: Erbitterter Kampf um Ajdabiya

(c) REUTERS (GORAN TOMASEVIC)
  • Drucken

Die Rebellen stehen, unterstützt von Luftangriffen, kurz vor der Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Ajdabiya, immer mehr Menschen fliehen vor den Kämpfen.

[Ajdabiya/Bengasi/R.B./Ag] Fast eine Woche hat es gedauert, aber am Freitag war es so weit: Die angekündigte Beteiligung arabischer Staaten an der internationalen Militärintervention gegen das Gaddafi-Regime nahm konkrete Formen an. Mehrere Kampfflugzeuge aus dem Golfemirat Katar überflogen am Freitag Libyen. Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen in den kommenden Tagen zwölf Kampfjets schicken, und der Sudan, sonst weniger bekannt für seine Umsetzung von UN-Resolutionen, stellte seinen Luftraum stillschweigend für Überflüge im Rahmen der vom UN-Sicherheitsrat sanktionierten Angriffe zur Verfügung.

Die Hauptlast tragen freilich weiter die westlichen Staaten, die die Angriffe auf Stellungen der Gaddafi-treuen Einheiten auch am Freitag fortsetzten, speziell bei der strategisch wichtigen Stadt Ajdabiya, die die Aufständischen seit Tagen einzunehmen versuchen.

Die Armee schien in der Stadt, die 150 Kilometer südlich der Rebellenhochburg Bengasi liegt, zusehends auf verlorenem Posten: Am Freitag umzingelten Rebellen mit schweren Waffen wie etwa Mehrfachraketenwerfern Ajdabiya und lieferten sich Artillerieduelle mit den Gaddafi-Einheiten. Auf einigen Fahrzeugen der Aufständischen waren französische und EU-Fahnen zu sehen.

Söldner aus Serbien wollen freies Geleit

Der Vormarsch der Rebellen hatte in der Nacht auf Freitag durch Angriffe britischer „Tornados“ auf ihre Gegner neuen Impetus erhalten. Aus Militärkreisen erfuhr „Die Presse“, dass es sich bei den eingeschlossenen Gaddafi-Truppen um ein Bataillon der „Saadi Tabouli“-Elitebrigade handelt. Hohe Offiziere verhandelten über die Vermittlung lokaler Imame mit den Rebellen über einen Abzug. Zudem heißt es, dass in dem Bataillon zahlreiche Söldner aus Serbien kämpfen – und dass diese nach ihrer Aufgabe auf ein sicheres Geleit zurück in ihre Heimat drängten.

Das Rote Kreuz spricht mittlerweile von einer starken Fluchtbewegung vor den Kämpfen und hat nahe Ajdabiya 700 Zelte aufgestellt. Mittlerweile gelangen offenbar auch Hilfsgüter in die Stadt Misurata. Dort wird unter umgekehrten Vorzeichen gekämpft: Die Stadt wird von den Regimegegnern gehalten, die Armee müht sich seit Tagen vergeblich, sie einzunehmen.

Internationale Militäroperation

Mit dem Militäreinsatz gegen die Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi will eine internationale Koalition die anhaltende Gewalt gegen Rebellen und Zivilbevölkerung stoppen.

Die Allianz steht bisher unter der Führung Frankreichs, Großbritanniens und der USA. Demnächst soll aber die Nato das Kommando übernehmen. Es handelt sich um die größte internationale Militärintervention in der arabischen Welt seit dem Einmarsch der US-Truppen in den Irak 2003.

Nato nur für Flugverbot zuständig

Die Nato, die laut einer Übereinkunft vom späten Donnerstagabend am Freitag das Kommando über die Überwachung der Flugverbotszone übernommen hat, richtete sich zunächst auf einen Zeitraum von 90 Tagen für diese Mission ein. Es geht dabei tatsächlich nur um die Flugverbotszone selbst. Um den anderen wichtigen Punkt des UN-Mandats, den Schutz von Zivilisten, kümmert sich demnach weiter die informelle internationale Koalition.

Unter diesen Punkt fallen vor allem die Angriffe auf Panzer und Artillerie der Gaddafi-Truppen. Dass das Nato-Mitglied Türkei diese Angriffe mittragen würde, gilt als wenig wahrscheinlich, und auch Paris dürfte diese Konstruktion abseits der komplizierten Nato-Entscheidungsstrukturen bevorzugen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kündigte derweil eine „französisch-britische Initiative für eine diplomatische und politische Lösung“ an. Die militärische Intervention habe es bereits erlaubt, „Tausende und Abertausende von Menschenleben zu retten“, die Lösung des Konflikts aber könne nicht allein militärischer Natur sein. Wie die zukünftige Regierung Libyens aussehen soll, sei aber „nicht von uns zu entscheiden“. Zur möglichen Dauer der Intervention meinte Sarkozy nur vage: „Solange die Bevölkerung von Panzern und Kampfflugzeugen bedroht ist, werden wir da sein.“

Auf einen Blick

Ajdabiya liegt 150 Kilometer von der Rebellenhochburg Bengasi entfernt und ist strategisch wichtig. Die Rebellen, die seit Tagen versuchen, die Regierungstruppen aus der Stadt zu vertreiben, erhielten am Freitag alliierte Luftunterstützung. Die Gaddafi-treuen Einheiten verhandelten offenbar bereits über einen Abzug, wollten aber ihre Waffen mitnehmen. Es gibt auch Berichte über serbische Söldner, die aufseiten Gaddafis kämpfen. Sie fordern freies Geleit für eine Rückkehr in ihre Heimat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)