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Atomauto: Reaktor im Rückspiegel

(c) Wieck (Ford Motor Company)
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Da ist uns etwas erspart geblieben: Vor 60 Jahren beflügelte die große Atom-Euphorie auch den Autokonzern Ford. Es blieb jedoch bei Modellen.

In den 1950ern war die Begeisterung auf ihrem Höhepunkt: Kernwaffen würden auf der Erde endlich den Frieden sichern (zumindest für die USA), und die zivile Nutzung der Atomkraft versprach, alle Energieprobleme des Planeten zu lösen. Risiko? Die hässlichen Seiten der Technologie gehörten noch ganz der Science-Fiction, die mit Godzilla eine mutierte Echse wüten liess.

Der Hype ums Atom war auch an der Autoindustrie nicht vorbeigegangen. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte man eine ziemlich klare Vorstellung davon, dass fossile Energieträger nicht ewig halten würden. Auch an Autos, die weniger Abgase produzieren, hatte man durchaus Interesse. Und technisch schien ohnehin alles möglich. Chrysler etwa gelang Anfang der Sechziger ein Auto, das von einer Gasturbine angetrieben wurde. Das „Turbine Car“ schaffte es immerhin zu einem Großversuch mit 75 Testfahrzeugen.

Konkurrent Ford, die damalige Nummer zwei der Welt, hatte davor Größeres im Sinn: das atomgetriebene Auto. Inspiriert wurden die Ingenieure von der US Navy, die 1954 mit der USS Nautilus das erste Atom-U-Boot in Dienst stellte.

 

Ein Hoffnungsprojekt des Chefs

Statt Unmengen von Diesel an Bord zu bunkern (und den Vorrat rasch durchzubringen), wie man es auf U-Booten bislang gehalten hatte, erlaubte der Reaktorantrieb eine fast unbegrenzte Reichweite.

Ein verlockender Gedanke – nicht nur für einen Autohersteller, der durchwegs großvolumige, durstige Motoren im Programm hatte. Auch die US-Regierung zeigte sich interessiert. Gerüchteweise finanzierte sie Fords Forschungspläne, die 1957 begannen. Dass die Arbeiten am Projekt „Nucleon“ keineswegs in der Obskurantenabteilung des Konzerns geparkt waren, belegt ein Foto, das den Chef himself – William Clay Ford – mit zärtlichem Griff auf das Objekt der Hoffnung zeigt: ein 3:8-Modell des Ford Nucleon. Mister Fords Blick will uns sagen: Leute, hier rollt etwas Großes auf uns zu.

Die Techniker hatten sich das so vorgestellt: Nachdem es bereits gelungen war, einen Atomreaktor in ein U-Boot zu verpflanzen, sollte die weitere Miniaturisierung nur eine Frage von einigen Jahren sein. Konkret waren Fords Visionäre überzeugt, dass man spätestens um die Jahrtausendwende mit Reaktorautos ebenso sorglos unterwegs sein würde wie mit fliegenden Autos – natürlich ebenfalls aus dem eigenen Konzern.

 

Brisanter Reaktor im Heck

Der kleine Reaktor im Heck des Nucleon hätte die gleiche Funktionsweise wie in U-Booten gehabt: Die bei der Kernspaltung entstehende Wärme dient der Erzeugung von Wasserdampf, der wiederum Turbinen antreibt, die teils für den Vortrieb und teils für die Stromversorgung an Bord sorgen.

Neben der Miniaturisierung hoffte man insbesondere auf leichteres Isoliermaterial als Blei oder Stahlbeton. Denn dass ein Kernreaktor brisanter ist als ein blubbernder V8, das war den Ingenieuren durchaus bewusst. Vorsorglich sollte ein besonders langer Überhang mit der Fahrgastzelle weit vorne das hohe Gewicht an der Hinterachse kompensieren helfen. Das Thema Unfall blendete man einstweilen großzügig aus.

Mit dem Nucleon würden Tankstellen, die Benzin oder Diesel feilbieten, der Vergangenheit angehören. Stattdessen würde der Reaktor als Ganzes an Servicestellen getauscht, je nach Wunsch eher für die Langstrecke oder als quasi schneller Brüter. In jedem Fall sollten sich 5000 Meilen Reichweite ausgehen. Die erhofften Mini-Reaktoren für unterwegs erlebte das Projekt nicht. Dafür wich die erste Euphorie einer Skepsis der Kerntechnik gegenüber. Auch die ungelöste Entsorgung radioaktiven Materials machte die Vorstellung hunderttausender Atomautos auf den Straßen nicht schmackhafter.

Heute, im Jahr 50 nach Projekt Nucleon, ist die Idee keineswegs gestorben – sie lebt bloß in anderer Form. Alle großen Stromversorger, mithin AKW-Betreiber wie EnBW oder RWE in Deutschland, finanzieren Projekte, die die Förderung des Elektroautos zum Inhalt haben. Dafür braucht es mehr Strom – und damit, zumindest heute noch, auch mehr Atomstrom. Dass in Japan nun eine Art Godzilla tatsächlich zum Leben erwacht ist, könnte sich als Bremse erweisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)