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Meer vor AKW Fukushima massiv verstrahlt

In this photo released by Tokyo Electric Power Co. via Kyodo News, lighting becomes available on Satu
(c) AP ()
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Extrem überhöhte Werte an radioaktivem Jod im Wasser wegen Reaktornotkühlung durch Meerwasser. Experten beruhigen: Die Stoffe sollen sich rasch verdünnen, pazifischer Fisch sei nicht in Gefahr.

Die Radioaktivität im Meer vor der Küste des havarierten AKWs Fukushima I im Nordosten Japans hat am Samstag enorme Werte erreicht: Demnach maß man etwa vom radioaktivem Jod-Isotop 131 Werte, die 1250-fach höher liegen als im Normalfall. Die Werte an Cäsium-137 überschritten das Normalmaß um das Achtzigfache.

Ein Sprecher der japanischen Behörde für Atomsicherheit sagte, würde ein Mensch einen halben Liter Wasser mit dieser Jodkonzentration trinken, hätte er jene Menge Jod-131 getrunken, die er in einem Jahr maximal aufnehmen könne. Am Dienstag war der Jod-131-Wert noch ums 127-Fache überhöht. Allerdings verdünnten sich die Isotope im Meer ziemlich rasch, und schon in einem Umkreis von 30 Kilometer vor der Küste seien die Werte wieder klar unter Normalwert.


„Angst um Fisch übertrieben“. Meeresbiologen meinten aber, die Sorge um die Meeresumwelt und die Angst vor verstrahltem Fisch aus japanischen Gewässern sei übertrieben. Die Verstrahlungen würden sich wegen der Verdünnungseffekte auf einen sehr kleinen Bereich beschränken, so der Forscher Ulrich Rieth vom Hamburger Von-Thünen-Bundesinstitut für Fischereiökologie. Für Tiere in entfernten Fanggebieten bestünde keine Gefahr – schon gar nicht für solche in weit entfernten und wichtigen Fanggründen wie in der über 2500 Kilometer entfernten Beringsee zwischen Russland und Alaska.

Andere Biologen sagen, dass sogar die Radioaktivität im näheren Umfeld von Fukushima nicht allzu folgenreich sei, weil die Partikel aufgrund der Strömungen großteils weggetragen würden, bevor sie Fische, Krustentiere und Algen in allzu großem Umfang aufnehmen könnten.

Befürchtungen im Ausland vor verstrahlten japanischen Fischexporten dürften überdies wenig begründet sein: Japan exportiert aufgrund des enormen Inlandsverbrauchs relativ wenig Meeresgetier, und die küstennahe Fischerei produziert fast ausschließlich für den lokalen Markt.

Reaktoren halbwegs stabil. Die stark erhöhten Strahlungswerte sind darauf zurückzuführen, dass die Rettungskräfte beim AKW Meerwasser in die kaputten Reaktoren pumpen, um diese zu kühlen, und das erhitzte Wasser großteils wieder ins Meer fließt – ein Vorgang, der sich aufgrund der Lage vor Ort kaum verhindern lässt.

Diese schien am Samstag relativ stabil zu sein. Vier der sechs Reaktoren im AKW Fukushima I machten zwar weiterhin Probleme, und in drei davon haben sich Seen mit verstrahltem Kühlwasser angesammelt, zudem emittieren sie gelegentlich Dampf und Rauch. Allerdings konnten Befürchtungen, das Druckgefäß von Reaktor 3 (also dessen stählernes Herz mit den Brennstäben selbst) sei angeknackst und leck, bisher nicht bestätigt werden. Reaktor 3 läuft als einziger der sechs mit Uran-Brennstäben, denen auch das hochgiftige und extrem stark strahlende Plutonium zugesetzt ist.

Im Ballungsraum Tokio, 240 Kilometer südlich Fukushima, wurde am Samstag eine um das Sechsfache erhöre Radioaktivität in der Luft gemessen. Diese ist aber laut Radiologen immer noch im weltweiten Normalmaß und unbedenklich. Zudem soll der günstige Westwind auch in den kommenden Tagen anhalten und radioaktive Ausdünstungen aus dem AKW aufs Meer und nicht auf Tokio wehen.

Fläche größer als Wien zerstört. Unterdessen ist berechnet worden, wie groß jene Landfläche war, die der Tsunami vom 11. März in Nordostjapan überrollt hatte. Es handelt sich um rund 470 Quadratkilometer, zum größten Teil in den Präfekturen Miyagi (300 km2) und Fukushima (110 km2). Zum Vergleich: Das Bundesland Wien misst 415 Quadratkilometer.

In mehreren deutschen Großstädten wie Berlin, Köln und Hamburg haben derweil am Samstag zehntausende Menschen für den sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft demonstriert. Unter den Teilnehmern waren auch Politiker von SPD, Grünen und der Linken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2011)