Zu viel Klamauk und zu wenig trockenen Humor verbreitet "Fröhliche Gespenster" von Noël Coward in Graz.
Gelegentlich wird der Theaterkritiker in an sich schon grimmigen Zeiten urplötzlich an seine Rolle als Bewohner des elfenbeinernen Turms erinnert: Die Reise zur Premiere von „Blithe Spirit“ oder „Fröhliche Gespenster“ von Noël Coward in Graz endete im überfüllten Zug in Bruck. Der Bahnhof in Graz war Freitag wegen einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesperrt, die Umgebung des Bahnhofs wurde evakuiert, auch das gewählte Hotel ist dort – und stand nicht zur Verfügung. Überdies gab es Kunde von zornigen Grazern, die gegen das Sparpaket der Landesregierung demonstrierten – in Scharen.
In solcher Lage ist das Erreichen einer Premiere besonders spannend – und man freut sich doppelt. Leider nur kurz. Noël Coward (1899–1973), ein bestselling Dramatiker der 1920er- bis 1960er-Jahre, Brite, homosexuell, exzentrisch, schrieb „Blithe Spirit“ mitten im Bombenkrieg Nazi-Deutschlands gegen England in London. 1945 wurde das Stück mit Rex Harrison verfilmt.
Besuch aus dem Jenseits. Die Grundidee ist glänzend: Ein Schriftsteller auf der Suche nach spektakulärem Material für ein neues Buch lädt eine Geisterbeschwörerin zu sich ein. Diese lockt ihm seine jung verstorbene erste Gattin herbei, die der entsetzte Autor nicht mehr los wird. Die zweite Frau gerät in schrecklichen Streit mit der ersten, ohne sie zu sehen. Denn sehen kann sie nur der Autor. „A British Fantasy Comedy“ nennt Wikipedia die Story, tatsächlich ist sie mehr ein skurriles Ehedrama – das in der Darstellung der Geschlechterverhältnisse ziemlich konservativ wirkt. Der Mann hat letztlich immer die Oberhand, die Frauen müssen sich um ihn bemühen. Teilweise durchaus köstlich sind die schlagfertigen Dialoge. Klipp, klapp!
Die Schweizerin Barbara-David Brüesch hat inszeniert. Anstatt auf trockenen Humor setzt sie über weite Strecken auf Klamauk und Klamotte. Anfangs ist das noch ganz lustig, wenn das hyperaktive Hausmädchen Edith so schnell über die Bühne rast als wäre es doppelt. Es ist doppelt: Claire Vivianne Sobottke und Judith Wille sind wahre Artisten. Später stört die krampfhafte Übertreibungskunst. Das pyrotechnisch fabulöse Finale macht manche Irritationen wieder wett. Das Publikum schien sich zu amüsieren.
Fügsames Ensemble. Das Ensemble führt brav aus, was die Regie vorschreibt: Stefan Suske spielt den bedrängten Mann, Birgit Stöger die zweite, Katja Kolm die erste Frau. Gerti Pall und Otto David geben die leicht verstörten Freunde, die zur Séance mit eingeladen wurden. Steffi Krautz räumt die meisten Lacher ab. Sie könnte zwar etwas weniger extrem agieren, ist aber doch auch immer wieder sehr komisch als Hellseherin, die ihre Geister nicht im Griff hat. Alles in allem: eine museale, aber entspannende Sache.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2011)