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Eine kleine Geschichte über die Ausrede

Eine kleine Geschichte ueber
Strasser(c) REUTERS (LEONHARD FOEGER)
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Gerade Menschen in der Öffentlichkeit greifen, wenn sie unter Druck geraten, gerne auf die Ausrede als Versuch einer Rechtfertigung zurück. Eine komplexe Verschwörungstheorie ist dabei wenig glaubwürdig.

Ernst Strasser wollte es ja eigentlich der Polizei melden. Allein, es ist sich nicht ausgegangen. Aus „terminlichen Gründen“, wie er sagte. Und so stand der – mittlerweile ehemalige – EU-Parlamentarier plötzlich als Politiker da, der sich gegen finanzielle Zuwendungen als „Lobbyist“ für Interessen einspannen lässt – und das auch noch von Reportern der „Sunday Times“ auf Video dokumentiert.

Nun ist es nicht auszuschließen, dass es tatsächlich so war, wie der Ex-Politiker es erzählte – er sei zum Schein auf ein unmoralisches Angebot eingestiegen, um die Bösewichte schließlich den Behörden auszuliefern. Doch sogar in seiner eigenen Partei hielt man Strassers Erklärungsversuche für unglaubwürdig. Und ein Wort schwingt seit Beginn der Affäre nun regelmäßig bei seinem Namen mit: Ausrede.

Tatsächlich sind Strassers Rechtfertigungsversuche nach genau jenem Schema aufgebaut, dem man bei Ausreden laufend begegnet. Da ist zum einen der klassische „Ich wollte ja nur...“-Reflex, wenn man ertappt wird. Vergleichbar dem reflexhaften Hochreißen der Arme eines Fußballers nach einem Foul oder dem ersten schockierten Impuls eines Kindes, das neben der zerbrochenen Vase erst einmal „Ich war's nicht“ schreit, versucht man, die Verantwortung von sich zu schieben. Wenn es sich irgendwie machen lässt, wird dann auch noch ein anderer Verantwortlicher gesucht. Beim Kind mit der Vase kann das ein Haustier sein, beim Fußballer der gefoulte Gegner, der nur simuliert. In der Politik wird als äußerer Feind gerne ein Argument aus dem Hut gezogen: Es handle sich um eine „Kampagne“ politischer Gegner.


Psychologischer Selbstschutz.
Der Mechanismus hinter dem Verhalten ist klar: Man versucht, sich aus einer unangenehmen Situation noch irgendwie herauszuwinden, das Gesicht zu wahren. „Es ist der Versuch der Psyche, die Gesamtheit stimmig zu drehen“, sagt Alfred Lackner. Der Personal- und Organisationspsychologe sieht Ausreden als direkte Konsequenz aus dem Druck, der auf der Psyche lastet. Die Ausrede dient dann als eine Art psychologischer Selbstschutz, um Druck abzulassen.

Gerade bei Menschen in der Öffentlichkeit komme noch dazu, dass sie von Ehrlichkeit womöglich stärkere Konsequenzen zu befürchten hätten, als ihnen drohen, wenn sie sich mit einer Ausrede aus der Affäre winden können. Psychologe Lackner spricht hier von einem „existenziellen Selbstschutz“. Um im Amt zu bleiben oder einen Vertrag nicht zu verlieren, wird dann eben nach jedem Strohhalm gegriffen – was mitunter zu skurrilen Erklärungen führt.

Da gab etwa die deutsche Mountainbike-Fahrerin Ivonne Kraft 2007 nach einem positiven Dopingtest an, dass der Asthma-Inhalator ihrer Mutter neben ihr explodiert sei: „Vor Schreck habe ich ,huch' gesagt und wohl versehentlich etwas inhaliert.“ Ähnlich originell erklärte sich Radfahr-Olympiasieger Tyler Hamilton im September 2004 einen positiven Dopingbefund: Die fremden Blutzellen in seinem Körper würden von den Stammzellen eines noch vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert.


Eingebildeter Gipfelsieg. Der Extrembergsteiger Christian Stangl gestand schließlich vergangenes Jahr nach längerem Leugnen zerknirscht ein, dass er gar nicht auf dem Gipfel des K2 gestanden sei. Tagelang hatte er jeglichen Zweifel an seinem spektakulären Gipfelsturm zurückgewiesen, schließlich ging er mit einem überraschenden Statement an die Öffentlichkeit: Er habe sich den Gipfelsieg nur eingebildet. „Ich war in einem tranceartigen Zustand und dachte, oben zu sein.“

Gerade Stangls Fall wirft eine Frage auf: Sind Ausreden eine niedlichere Form der Lüge? Oder sind sie vielleicht eine subjektive Interpretation der Wirklichkeit, die uns unser Gehirn suggeriert. Man kennt das als das Phänomen des „ehrlichen Lügners“: Jemand konstruiert sich ein Bild der Welt zusammen, das er als Wahrheit sieht und auch gegen Angriffe verteidigt.

Derartige Selbstlügen können auch eine durchaus sinnvolle Funktion haben. Wer etwa Angst vor dem Liftfahren hat, redet sich ein, dass Stiegensteigen viel sportlicher ist. Wer sich vor großen Menschenmassen fürchtet, sagt, dass ihn ein Konzert eben nicht interessiert. Hier fungiert die Selbstlüge als Selbstschutz. Hinter der Lüge verbirgt sich ein ehrliches Motiv, das wir uns nicht eingestehen können oder wollen. Und solange es nicht krankhaft ist, kann man damit gar nicht so schlecht leben.

Selbstlügen lassen sich allerdings auch ausnutzen. Besonders häufig passiert das mit dem Argument, dass man die Kontrolle über sich selbst verloren hat. Ein Klassiker derartiger Ausreden ist der Seitensprung bei einer Feier, die sogenannte „b'soffene G'schicht“. Und die Rechtfertigung dafür – man selbst habe sich nicht falsch verhalten, weil man ja gar nicht Herr seiner Sinne war. Schuld war demnach nur der Alkohol. Für eine Beziehung kann diese Ausrede nach einem Seitensprung aber trotz allem der rettende Kitt sein – solange es bei einem Einzelfall bleibt. Denn allzu oft lässt sich diese Selbstlüge nicht argumentieren.

Oft ist grenzenlose Ehrlichkeit allerdings gesellschaftlich gar nicht gewünscht, sondern fungieren Ausreden sogar als eine Art soziales Schmiermittel. Sagt man etwa eine Verabredung mit der Begründung ab, dass man gerade keine Lust hat, wirkt das unhöflich. Führt man jedoch als Grund an, dass man wegen eines wichtigen Termins absagen muss, weil eben ein Meeting länger dauert, wird das viel leichter akzeptiert. Schließlich gibt man dem Gegenüber so nicht das Gefühl, dass man kein Interesse an ihm hat.

Wie plausibel eine Ausrede für den anderen klingt, hängt vor allem davon ab, wie sehr sie sich mit der Wirklichkeit deckt. Oder sich zumindest mit ihr decken könnte. „Die Güte einer Ausrede“, sagt Peter Stiegnitz, „ist eine Frage der Intelligenz.“ Der 74-Jährige beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Phänomen der Lüge und ihren Verwandten. Und wundert sich, welche teils skurrilen Erklärungsmuster von Sportlern oder Politikern als Ausreden produziert werden.

„Die Frage ist: Wie glaubwürdig kann man erklären, dass man unschuldig in etwas hineingerissen wird“, sagt der Lügenforscher. Das fällt umso leichter, je nachvollziehbarer eine Geschichte ist. Eine komplexe Rechtfertigung, die am Ende in eine Verschwörungstheorie mündet, ist demnach nicht unbedingt die glaubwürdigste. „Und das“, meint Stiegnitz, „ist dann wieder eine nüchterne Frage der Intelligenz.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2011)