Was Politiker tun und lassen, ist Schall und Rauch. Es sei denn, sie investieren in Kultur. Das kann man am legendären "Silbersee" lernen.
Das erste wichtige Festival im immensen Reigen der Kulturveranstaltungen dieses Landes hat stattgefunden: Traditionsgemäß begrüßt seit sechs Jahren die „Loisiarte“ den Frühling. Das ist nicht einfach eine Aneinanderreihungen möglichst philharmonischer Wiedergaben von Mozart-Serenaden, sondern eine von Christian Altenburger höchst anspruchsvoll programmierte Mixtur aus Literatur, Klassik und zeitgenössischer Musik, kombiniert mit bildender Kunst.
Denn die „Loisarte“ findet im „Loisium“ statt, in Langenlois, wo man es dank einer Privatinitiative geschafft hat, auf innovative Weise uralte Weintradition (also Kultur in ihrer ursprünglichen, chthonischen Bedeutung) mit zeitgemäßer Architektur zu verschmelzen. Die Musiker und Literaten befüllen den auf diese Weise entstandenen Kunst-Raum mit Leben, verbinden bei Lesungen und Konzerten, die unter anderem tief unterirdisch in einem zur sogenannten „Basilika“ umgewandelten Weinkellergewölbe stattfinden, Alt und Neu, Tradition und Vision – formulieren Erinnerungen an die Zukunft, wenn man so will.
Wer nach Langenlois kommt, um das zu erleben, taucht ein in eine der Kunst offene Welt, die scheinbar quer steht zu dem Bild, das man sich in der Realität – gar mittels Nachred' im eigenen Land – von dem Bundesland gemacht hat, in dem sich all das ereignet.
Niederösterreich – ist das nicht dort, wo der Landeshauptmann Schlagzeilen machen kann, wenn er behauptet, als einziges Buch den „Schatz im Silbersee“ zu Ende gelesen zu haben? Ein Land, in dem also mit Kultur im engeren und weiteren Sinne nichts zu machen ist?
Das wäre noch vor ein paar Jahren wohl die stehende Redewendung gewesen – sie kommt heutzutage keinem Kritiker mehr über die Lippen. Denn die artistische Leistungsbilanz, die – durchaus aufbauend auf vielen Privat-Initiativen – mittlerweile vorgelegt werden kann, ist enorm.
Von der Kremser Museumslandschaft inklusive Eingemeindung eines international geachteten Enfant terribles vom Format Hermann Nitschs bis zur „Loisiarte“ und den spektakulären Neubauten, mit denen man den Schlosspark von Grafenegg zu einem Musikzentrum gemacht hat, in dem mittlerweile sämtliche bedeutenden Orchester der Welt mit Freude gastieren – man wird den Eindruck nicht los, da hätte sich die Politik ausgerechnet, man könne mit verhältnismäßig geringem finanziellen Aufwand (Anteil der Kultur am NÖ-Budget: zwei Prozent!) wirklich Dauerhaftes zur Imagebildung und -pflege beitragen.
Als hätte St. Pölten kurz nach Paris geschaut und überlegt: Wer kennt noch den Namen von Charles de Gaulles Nachfolger? Wikipedia sagt: Georges Pompidou. Hat der nicht ein Zentrum für zeitgenössische Kunst errichten lassen? Genau!
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2011)