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Lehrerblogs: Schule, direkt und ungeschönt

Lehrerblogs Schule direkt ungeschoent
(c) Www.BilderBox.com
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So mancher Lehrer schreibt sich im Internet den Frust von der Seele. Die meisten allerdings mit Vorsicht. Denn Vorgesetzte und Kollegen könnten mitlesen. Offener sind die Lehrer, die anonym bloggen.

Jahrelang erzählte Thomas Rau, wie so viele Lehrer, seine Schulerlebnisse den Kollegen am Heimweg und seiner Frau zu Hause. Bis diese ihm vorschlug, die Geschichten doch aufzuschreiben und im Internet zu veröffentlichen. Dort, dachte Frau Rau, würden die Anekdoten ihres Mannes wohl ein Publikum finden, das sie mehr würdigt als sie selbst.

Das haben sie. Raus Blog „Lehrerzimmer“ zählt täglich zwischen 800 und 900Besucher. Sie verfolgen, wie der Münchner Gymnasiallehrer über Plagiate in den Aufsätzen seiner Schüler klagt, wie er über erfolgreiche Wandertage erzählt und über verpatzte Unterrichtseinheiten. Thomas Rau ist der bekannteste bloggende Lehrer im deutschsprachigen Raum. Wie viele es insgesamt gibt, lässt sich schwer schätzen. 150, meint Rau, bloggen über Schulthemen regelmäßig im Internet, rund zehn bis 15Pädagogen sind es in Österreich (siehe Faktenkasten).

Anonym, offen und unverblümt

Kritik an der eigenen Schule findet sich in den Blogs allerdings selten. Die meisten Lehrer verzichten überhaupt auf detaillierte Schilderungen ihres Schulalltags – denn Direktion und Kollegen könnten mitlesen. In Österreich ist da etwa eine Salzburger AHS-Lehrerin, die vor allem über Medienpädagogik bloggt. Ein Berufsschullehrer aus Oberösterreich erzählt über Schulprojekte und gibt Tipps für den Unterricht. Spannender sind aber die Blogs, deren Autoren ihren Namen nicht preisgeben.

Wie der Macher von „Nie mehr Schule“, ein AHS-Lehrer aus Ostösterreich. Woher genau, will er nicht verraten, ebenso wenig seine Unterrichtsfächer. Die Anonymität des Netzes erlaubt ihm, seine Schulgeschichten offen und unverblümt zum Besten zu geben. So schreibt er etwa über die 15-jährige Bella, die einen Schlagring in die Schule mitbringt. Über den Schüler, der sitzengeblieben ist und das ihm, dem Lehrer, vorwirft („Sie haben uns nichts beigebracht“). Oder über Alex, Sohn aus gutem Hause, der nach einem Vandalenakt Schadenersatz zahlen soll und dessen Vater mit dem Anwalt droht („Das müssen Sie erst einmal beweisen“).

Während sich Thomas Rau in seinem „Lehrerzimmer“ Anekdoten über Vorgesetzte und Kollegen bisweilen verkneift („Die richtig guten Geschichten kann ich nicht erzählen“), geht der Macher von „Nie mehr Schule“ auch mit seinen Kollegen hart ins Gericht. Etwa, wenn er die Vorbehalte eines Lehrers gegenüber neuer Unterrichtsmethoden und sein Pochen auf den Frontalunterricht kritisiert („Weil es funktioniert. Weil es hocheffizient ist. Weil ich am besten weiß, was wichtig ist. Weil ich so die beste Kontrolle über die Klasse habe“). Oder die allzu lockere Art des Kollegen A. („Er surft blendend durchs Leben, vermeidet Probleme, ist beliebt. Gute Noten ersparen viel Mühe auf beiden Seiten. Ein Erfolgstyp“).

Dafür brauche er den Schutz der Anonymität, sagt er. Nur seine Familie und enge Freunde wissen, was er im Netz treibt. „Ich möchte ohne Rücksichtnahme, direkt und ungeschönt meine Gefühle niederschreiben können. Anders wäre das nicht möglich.“ Seine Kollegen wolle er, auch wenn er sie immer wieder kritisiere, trotzdem weiter als Mensch und Freund haben. Auch zusammenarbeiten muss er schließlich mit ihnen.

Sind seine Geschichten denn dann auch wahr? Ja, beteuert der anonyme Blogger. „Zumindest zu 90Prozent.“ Was anonymisiert werden muss, ändert er ab. Handlungen und Äußerungen werden aber so übernommen, wie sie passiert sind. Etwas pointierter, provokanter vielleicht, gibt er zu. Aber sein Weblog soll ja auch gern gelesen werden.

 

Den Frust runterschreiben

Zu bloggen begonnen hat er im Jahr 2004, aus Frust, wie er sagt. „Es war die Zeit von Bildungsministerin Gehrer. Und die erste Motivation war, mir meinen Frust runterzuschreiben“, sagt er. Der ist mittlerweile geringer geworden; im Vordergrund steht heute der Austausch. Mit Bloggerkollegen wie Thomas Rau oder Frau Freitag, einer deutschen Lehrerin die, wie er anonym, über ihren Alltag an einer deutschen Problemschule erzählt (siehe Faktenkasten). Und auch mit anderen Lehrern, mit Eltern oder Schülern, die seine Blogeinträge kommentieren und mit denen er online, und natürlich anonym, über Schule diskutiert. Diskussionen, die es im realen Leben – in der Klasse, im Lehrerzimmer, am Elternsprechtag – niemals so geben würde.

Lehrer wie Thomas Rau und der Macher von „Nie mehr Schule“ sehen das als Chance. Nicht nur, um ungewöhnlich offene Rückmeldungen zu bekommen. Sondern auch, um Nichtlehrern zeigen zu können, wie ihr Alltag aussieht. Sie wollen Verständnis für ihren Beruf schaffen und Missverständnisse abbauen.

Damit seine Geschichten irgendwann ein größeres Publikum finden, überlegt der Österreicher, ein Buch mit Auszügen aus seinem Blog zu veröffentlichen. Für Lehramtsstudenten. Denn die sollten wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie den Beruf wählen.

Die besten Lehrerblogs

Nie mehr Schule: Österreichischer AHS-Lehrer bloggt anonym, kritisch und zugleich amüsant über seinen Schulalltag. teacher.twoday.net

Miss Wirtschaft: Rechnungswesen-Lehrerin an einer österreichischen BMHS bloggt anonym über Schulgeschichten. misswirtschaft.wordpress.com

Juhudo: Doris Junghuber, AHS-Lehrerin in Salzburg, bloggt zu Medienpädagogik, empfiehlt Literatur. juhudo.at/wordpress

Lernen heute: Werner Prüher, Berufsschullehrer in Oberösterreich, über Unterrichtsmethoden, Veranstaltungen und Politisches. lernenheute.wordpress.com

Lehrerzimmer: Bekanntestes Lehrerblog im deutschsprachigen Raum, vom Münchner Gymnasiallehrer Thomas Rau. herr-rau.de

Na, wie war's in der Schule? Deutsche Lehrerin bloggt anonym über ihren Alltag an einer Problemschule, auch als Buch: „Chill mal, Frau Freitag“. fraufreitag.wordpress.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2011)

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