Der März ist für die Teebranche immer ein spezieller Monat. Heuer freilich gleich zweifach: Unruhen in Darjeeling sorgen für Ungewissheit rund um den begehrten First Flush. Tee aus Japan wird indes gehamstert.
Für passionierte Teetrinker ist die Zeit Ende März stets eine spezielle. Heuer gilt das freilich in eher negativer Hinsicht, die Branche ist im Ausnahmezustand. Üblicherweise treffen in diesen Tagen die First-Flush-Flugtees ein: die ersten geringen Ernten nach der Winterpause, sehr blumig, mit ungewöhnlichem Geschmack. Der Großteil der begehrten Flugtees stammt aus dem indischen Darjeeling. Naturgemäß herrscht unter internationalen Teehäusern ein großes Gerangel um diese allerersten und teuer zu verkaufenden Ernten, Händler und „Teataster“ liefern sich jedes Jahr einen Wettlauf gegen die Zeit: Teeproben werden eingeflogen und hurtig verkostet. Dann heißt es, sich schnell ein Urteil bilden und so rasch wie möglich per Telefon bestellen. Sonst kauft womöglich ein großer Pariser oder Londoner Konkurrent alles weg.
Diesen März aber ist eben alles ein bisschen anders. Anfang der Woche bekam „Die Presse am Sonntag“ von Georg Demmer die Information, dass aufgrund der innenpolitischen Unruhen in Darjeeling (die Plantagenarbeiter verlangen eine Verdoppelung ihres Lohns auf umgerechnet etwa zwei Euro pro Tag) äußerst wenige Teemuster die Region verlassen könnten, geschmuggelt über Kalkutta. Die Teehäuser haben derzeit keine Möglichkeit, Flugtee in größeren Mengen zu bestellen. Zumindest verzögern wird sich also heuer alles, möglicherweise wird es aber auch gar keine Lieferungen geben. Alles hängt vom Fortschritt der Verhandlungen ab. „So eine Situation gab es noch nie!“, schrieb Georg Demmer aus New York. Vielleicht müsse man dieses Jahr geschmuggelten Flugtee anbieten, hieß es mit schriftlichem Augenzwinkern. Oder solchen aus Dooars, südlich von Darjeeling. Aber vorerst keine Darjeelings.
Offensichtlich gibt es aber trickreiche Wege, denn sowohl Heissenberger als auch Schönbichler und das deutsche Unternehmen Ronnefeldt haben nach eigenen Angaben Teeproben der Ernten 2011 aus Darjeeling bekommen, wenngleich viel weniger als sonst. Große Lieferungen seien aber derzeit nicht erhältlich, ist man sich mit Demmer einig.
Wie kommt es dann aber, dass „Die Presse am Sonntag“ in der Wiener Innenstadt in zwei Geschäften Darjeeling zu kaufen fand, der angeblich diesen Monat gepflückt wurde, und selbst auf mehrmaliges Nachfragen, ob das wirklich die neue Ernte sei, keine andere Antwort erhielt? Bewusste Irreführung oder schlicht zu wenig Ahnung seitens des Verkaufspersonals? Es wird also offenbar Darjeeling First Flush aus dem Vorjahr (der ja durchaus so lange hält) pünktlich zum gewohnten Lieferzeitraum präsentiert und als neue Ernte bezeichnet. Besonders pikant: Eines der beiden Geschäfte bezieht seinen Tee von Demmer und etikettiert neu. Bei Demmer aber bekommt man derzeit eben nicht einmal Muster, geschweige denn eine Lieferung frischen Darjeelings zum Weiterverkauf. Einer der beiden Händler sagte allerdings am Telefon, dass es sich um ein Missverständnis im Geschäft handeln müsse. Wegen der Ausfuhrblockade gebe es ja tatsächlich noch keine Lieferungen.
Bis die auf Importeure angewiesenen heimischen Teehäuser echten Flugtee 2011 aus Darjeeling anbieten können, wird es noch ein wenig dauern. Man übt sich aber unisono – zumindest gegenüber den Medien – in Gelassenheit: Der Hype um die ersten First Flush sei nicht so ernst zu nehmen, der erste Tee sei oft nicht gerade der beste. Zu dünn, zu grasig. Schönbichler setzt daher ebenso wie Heissenberger oder Haas & Haas auf Abwarten und Tee trinken. Außerdem sei die Regierung in Darjeeling sicher nicht daran interessiert, dem Land mittels Ausfuhrverbots seines Prestige-Exportguts langfristig zu schaden, da doch schon das Vorjahr wegen Schlechtwetters weniger Ernte gebracht hatte, meint Schönbichler-Teesommelier Patrik Wonisch.
Dazu kommt, dass Japan als umsatzmäßig größter Abnehmer von Darjeeling First Flush heuer wohl zum Teil ausfällt. Wonisch schätzt allerdings, dass in einigen Wochen alles wieder zur Normalität zurückgekehrt sein wird, was die Lieferung von Darjeelings betrifft. Im Ernstfall weiche man, wie auch Haas & Haas, dieses Jahr auf First Flush aus Nepal aus.
Ausweichen heißt es für Händler und Kunden in Sachen Tee heuer auch anderswo: Schon am Tag nach der Katastrophe in Japan hätten die ersten Kunden kiloweise japanischen Tee gekauft, mitunter um tausend Euro, berichten die Händler – „sehr rasch, aber auch sehr pietätlos“, wie eine Grüntee-Händlerin mit engen Beziehungen zu Japan findet. Niemand weiß, ob die heurige Ernte (die ab April in den Handel kommt), radioaktiv belastet sein wird. Die Händler sind gewappnet, man hat sich Vorräte aus dem Vorjahr gesichert, kann sich aber gleichzeitig betroffen ob der Katastrophe geben.
„Normalerweise fragen die Leute im Mai, ist das auch wirklich der heurige Sencha, dieses Jahr werden sie fragen, ist das sicher nicht der heurige?“, sagt man bei Ronnefeldt, wo eine Vorjahrssorte Grüntee bereits ausverkauft ist. Schönbichler berichtet von achtfachen Verkaufszahlen seit dem Unglück, Heissenberger ist bei japanischem Tee auf die Hälfte reduziert, und auch bei Teeraritätenjägerin Natalia Panne von tea exclusive hamstern die Kunden. Sie glaubt, dass die Ernte 2011 in Europa zum Tode verurteilt sein wird, „weil einfach zu viel Angst da ist“.
Japan trinkt freilich über 90 Prozent des eigenen Tees selbst; wie man dort mit der heurigen Ernte umgeht, wird sich ab April zeigen. Bis dahin sind die hiesigen Teehändler um Beruhigung bemüht, man hat Schilder in den Geschäften aufgestellt oder versichert online, dass sämtlicher japanischer Tee in Europa aus dem Vorjahr stammt, also ungefährlich ist.