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Fukushima: IAEA empfiehlt größere Evakuierungszone

Fukushima Trummer Harz
Luftbild des AKW Fukushima Eins(c) AP ()
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In einem Ort 40 Kilometer vom havarierten AKW Fukushima entfernt sind erhöhte Strahlenwerte gemessen worden - bisher gilt nur ein 20-Kilometer-Radius. Verstrahlte Teilchen sollen mit Harz am AKW festgeklebt werden.

Die IAEA rät zu einer größeren Evakuierungszone rund um das AKW Fukushima. Im Dorf Iitate 40 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt ist Strahlung über dem Grenzwert der Atomenergiebehörde gemessen worden. "Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde", sagte der Experte Denis Flory. Man habe Japan geraten, sich die Situation dort genau anzusehen.

Schon davor hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace vor der Strahlung in Iitate gewarnt: Dort sei eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Mikrosievert in der Stunde festgestellt worden (Karte zu den Messungen). Bislang ist nur die Region 20 Kilometer rund um das AKW evakuiert, eine Ausweitung auf 30 Kilometer wird von der Opposition gefordert.

Harz soll Partikel an AKW kleben

Indes überlegen die Techniker und Experten, wie man die Ausbreitung der radioaktiven Partikel eindämmen kann. Die Regierung und Atomexperten diskutierten "jede Möglichkeit", um das havarierte Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen, so Regierungssprecher Yukio Edano. So soll überlegt werden, die Reaktoren mit einem Spezialgewebe abzudecken oder die Trümmer mit Kunstharz zu besprühen, damit der radioaktive Staub an die Ruine geklebt werden. Der Einsatz eines ferngesteuerten Fahrzeugs ist für Donnerstag geplant.

Im Meerwasser vor dem AKW Fukushima Eins wurde eine sehr hohe Konzentration von radioaktivem Jod entdeckt. Die Radioaktivität habe das 3355-fache des zulässigen Wertes erreicht, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch. Die Einsatzkräfte versuchen unter kaum erträglichen Bedingungen, das AKW zu kühlen. Nach Experten-Einschätzung kann es Monate dauern, bis eine Kernschmelze endgültig abgewendet ist.

Arbeiter in AKW sind zunehmend erschöpft

Die Arbeiter in dem Katastrophen-Kernkraftwerk sind zunehmend am Ende ihrer Kräfte. Ihre Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden wächst. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung "Asahi Shinbun". Zwar gingen die Einsatzkräfte immer wieder in die zerstörten Reaktorblöcke, um die Reaktoren zu kühlen und einen Super-GAU zu verhindern, doch seien die Arbeiter angesichts der endlosen Schwierigkeiten zunehmend nervöser. Man achte darauf, dass Tepco die Spezialisten nicht zu hohen Risiken aussetze, sagte der Manager, der namentlich nicht genannt wurde.

Kopfzerbrechen bereitet der Regierung nach wie vor das in der Erde rund um das havarierte Kraftwerk gefundene Plutonium. Die gemessene Plutonium-Menge sei gering und für Menschen nicht gefährlich, versicherte Tepco zwar erneut. Regierungssprecher Yukio Edano sagte allerdings, die Lage sei "sehr ernst", das Plutonium sei ein Hinweis auf "einen gewissen Anteil schmelzender Brennstäbe". Woher das Plutonium stammt, ist bisher nicht zweifelsfrei geklärt. Die IAEA glaubt, dass eine "sehr kleine Menge" des hochgiftigen Schwermetalls aus der Atomruine freigesetzt worden sein könnte.

Ein weiteres ungelöstes Problem ist das strahlende Wasser in der Atom-Ruine. Es stand zeitweise bis zu einen Meter hoch in den Kellern der Turbinenhäuser von vier der sechs Reaktorblöcke in Fukushima Eins. Eine Hauptaufgabe der Einsatzkräfte war am Dienstag das Abpumpen des verseuchten Wassers aus dem Keller des Turbinengebäudes von Block 1. Doch die Arbeiter wissen derzeit nicht, wohin mit der hochgiftigen Flüssigkeit aus Block 2 und 3, wie Kyodo meldete. Es fehlte an Tanks. Nach einem Bericht von "Asahi Shimbun" sei vorgesehen, einen Tanker einzusetzen, um das radioaktiv verseuchte Wasser abzusaugen.

Franzosen schicken Nuklear-Experten

Die Japaner wollen verstärkt ausländische Fachleute heranziehen, um die havarierten Reaktoren unter Kontrolle zu bringen. Der französische Atomkonzern Areva hat fünf Nuklear-Experten ins Krisengebiet geschickt. Sie sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen.

Angesichts der Energieknappheit erwägt die japanische Regierung die Einführung der Sommerzeit, damit große Unternehmen Energie sparen. Das berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Bisher hatte das Land die Sommerzeit nicht eingeführt. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe musste Tokio den Strom in einigen Regionen abschalten. Experten befürchten eine anhaltende Energieknappheit.

Reaktoren länger am Netz?

Unklar ist das Schicksal der Reaktoren 5 und 6: Während AKW-Betreiber Tepco gesagt hat, die zwei Blöcke seien noch operationsfähig, will die japanische Regierung alle sechs Reaktorblöcke von Fukushima nie mehr ans Netz nehmen.

Indes berichten Medien auch aus einem Brand im zehn Kilometer entfernten AKW Fukushima Zwei: Eine Stunde lang habe ein Turbinenraum aus bislang unbekannter Ursache gebrannt. Alle vier Reaktoren von Fukushima Zwei wurden nach dem Beben vorsorglich heruntergefahren.

Während die Arbeiter in Fukushima gegen die Kernschmelze kämpfen, ist der seit mehr als zwei Wochen aus der Öffentlichkeit verschwundene Tepco-Präsident Masataka Shimizu nun arbeitsunfähig und liegt in einer Klinik. Nach Angaben von Kyodo litt er an Schwindel und Bluthochdruck. In Japan gab es zuvor Gerüchte, dass er sich wegen der Katastrophe das Leben genommen haben könnte oder geflohen sei.

Mehr Tote, weniger Vermisste

Die Zahl der nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März offiziell für tot erklärten Opfer steigt weiter. Die nationale Polizeibehörde meldete am Mittwoch 11.258 Tote - knapp zweihundert mehr als am Vortag. Die Zahl der Vermissten ging dagegen auf 16.344 zurück. Ein Grund ist, dass mehr Todesfälle geklärt werden. Die Regierung hat die gesamtwirtschaftlichen Kosten des Bebens mit 141 bis 220 Milliarden Euro angegeben.