Johannes Huber und Walter Thirring wollen in ihrem Buch "Baupläne der Schöpfung - Hat die Welt einen Architekten?" die Idee des "Intelligent Design" auffrischen. Und sie fechten wieder gegen Richard Dawkins.
"Hat die Welt einen Architekten?“, fragt der Untertitel. Niemand kann darauf mit einem wissenden Ja oder Nein antworten, nur mit einem gläubigen. Das geben der theoretische Physiker Walter Thirring, ein Protestant, und der Mediziner und katholische Theologe Johannes Huber auch bereitwillig zu.
Der Titel ihres (auffallend schlampig lektorierten) Buches, „Baupläne der Schöpfung“, suggeriert allerdings gleich doppelt, dass die Vorstellung von einem persönlichen Gott in die Naturwissenschaft hineinpasse. Das Wort „Schöpfung“ ist sinnlos, wenn man nicht an einen Schöpfer oder eine Schöpferin denkt, das Wort „Plan“ impliziert die Existenz einer planenden Instanz. Wir neigen dazu, hinter Systemen, deren Beschreibung unsere Intelligenz fordert, eine Intelligenz zu sehen – ähnlich wie unsere animistischen Vorfahren dazu neigten, sich nicht nur Tiere, sondern auch Wind und Wasser beseelt zu denken. Zu beurteilen, ob wir mehr recht haben als sie, übersteigt unsere Vernunft.
Physik ist nicht teleologisch
Das Universum ist just so beschaffen, dass Galaxien, Sterne, Lebewesen und wir selbst existieren können. Dieser Satz ist unbestreitbar wahr, es ist übrigens auch kein Universum vorstellbar, wo seine Negation („Ich lebe in einer Welt, die so ist, dass mein Leben unmöglich ist“) eine vernünftige Aussage wäre. In ihm das „dass“ durch ein „damit“ zu ersetzen, ist möglich, aber keineswegs zwingend. Wer an Gott glaubt, wird es tun; auf die Physik, die er treibt, hat das keinerlei Einfluss. Es gibt keine Teleologie (und keine Theologie) in physikalischen Modellen. „Wenn da so viel Intelligenz eingebracht wird“, schreibt Thirring über den „Plan“, den er im Universum sehen will, „hat man das Gefühl, da muss irgendwo ein intelligentes Wesen dahinterstecken. Das ist natürlich kein Beweis, sondern nur eine naive Vermutung.“ Recht hat er.
Komplizierter ist es mit der Evolution. Das Zusammenspiel von Mutation und Selektion hat eine Entwicklung hervorgebracht, die teleologisch aussieht, es aber nicht ist. (Zumindest braucht man keine teleologische Erklärung dafür.) Ähnliches hat der kämpferische Darwinist Richard Dawkins mit seiner unglücklichen Metapher vom „egoistischen Gen“ gemeint: Es sieht so aus, als ob Gene ein Ziel, einen Plan, einen Willen hätten. Was sie natürlich nicht haben.
Sie sollten Dawkins lesen!
Thirring und Huber kritisieren Dawkins, wie unter Vertretern des „Intelligent Design“ üblich, fast so heftig, wie er sie kritisiert. Leider hat das, was sie (sich?) unter Darwins Evolutionstheorie vorstellen, mit dem Original nicht viel zu tun. Die Evolutionstheorie besagt keineswegs, dass die biologischen Systeme „durch reinen Zufall entstanden“; dass „äußere Umstände einen dirigierenden Einfluss nehmen“, ist keine Korrektur der Evolutionstheorie, sondern ihr wesentlicher Bestandteil (genau das besorgt die Selektion); dass die Vorgänge, mit denen sich die Lebewesen der Umwelt anpassen, „derzeit noch unbekannt“ seien, stimmt nicht. Gerade Dawkins hat das mit Engelsgeduld (wenn denn für einen so militanten Atheisten das Wort passt) erklärt; man kann Huber und Thirring wirklich empfehlen, seine Bücher zu lesen. Wer wie sie der „modernen Reproduktionsmedizin“ entnimmt, dass die „Erhaltung der Art“ das „oberste Gebot der Evolution“ sei, ist offenbar bei Konrad Lorenz stehengeblieben.
Bei allem Respekt kann man den Autoren auch den Vorwurf nicht ersparen, dass sie mit Begriffen etwas zu fantasievoll umgehen. Mit dem Wort „Verschränkung“ etwa. Dass Moleküle einander über induzierte Dipolwirkungen anziehen, hat nichts mit diesem Phänomen der Quantenmechanik zu tun, diese Wechselwirkungen sind als „Van-der-Waals-Kräfte“ gut bekannt und klassisch erklärbar. Auch fürs Kopieren der DNA braucht man keine Verschränkung, auch wenn sich die DNA-Stränge noch so fest aneinander schmiegen. Und warum die Verschränkung von Photonen „tatsächlich nach einer Physik der Unsterblichkeit klingt“, wird nicht einsichtig.
Das Wort „Epigenetik“ ist an sich etwas verschwommen, viele meinen damit das Phänomen, dass erworbene Eigenschaften in manchen Fällen doch vererbt werden können. Doch dass Huber die epigenetische Prägung für das „naturwissenschaftliche Äquivalent für Gnade“ hält, scheint doch etwas weit hergeholt. Soll das heißen, dass der gnädige Gott höchstpersönlich Methylgruppen an DNA-Basen hängt?
Epigenetik und Versuchung Jesu
Aber Huber erklärt ja auch die Geschichte von den Versuchungen Jesu dadurch, dass seine Versucher „epigenetisch gegen ihn geprägt“ seien. Und er spekuliert über „epigenetische Prägung für Gott“, meint aber offenbar nicht, dass religiöse Erfahrungen von Generation zu Generation vererbt werden, sondern schlicht, dass in sensitiven Lebensphasen – frühe Kindheit, Pubertät – entschieden wird, ob ein Mensch zum Glauben findet oder nicht. Das ist wohl wahr, dafür braucht es aber keine Epigenetik, sondern nur die bekannte Plastizität des Gehirns.
„Das von Natur aus vielleicht doch egoistische Gen kann zivilisiert werden“, schreibt Huber. Jeder Humanist wird dem Sinn dieses Satzes zustimmen, auch Dawkins hat sich schon im „Egoistischen Gen“ selbst ganz ähnlich geäußert: „Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen.“
Dass Dawkins nicht wahrhaben will, dass Religionen zur Auflehnung gegen diese Tyrannei, zur Zivilisierung beitragen, das kann und soll man kritisieren. Thirring und Huber tun das gut. Die Kapitel ihres Buches, in denen sie sich auf den christlichen Glauben und seine Wirkung in der Welt konzentrieren, in denen sie u.a. die Gebote mutig auslegen (etwa das siebente Gebot als Plädoyer gegen ungerechte Verteilung des Reichtums), sind überzeugend. Nur die Verzierung mit naturwissenschaftlichen Begriffen stört auch hier.
Das Buch, die Autoren
„Baupläne der Schöpfung“ ist im Seifert Verlag erschienen. 410 Seiten.
Johannes Huber, geboren 1946, Mediziner und Theologe, war Sekretär von Kardinal König.
Walter Thirring, geboren 1927, Physiker, war u.a. Direktor am CERN. Zuletzt erschien seine Autobiografie „Lust am Forschen“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2011)