Die Gerüchte über eine Rückkehr Zeilers sind Symptome eines fortschreitenden Substanzverlustes einer historischen Bewegung.
Nun ist es ein Vierteljahrhundert her, dass im März 1986 die unrühmliche Kampagne gegen Kurt Waldheim, die bekanntlich nicht von Erfolg gekrönt war, entfacht und entfesselt wurde. Zu den Hintermännern, die diese Lawine lostraten, gehörte auch der Pressesprecher des Bundeskanzlers Fred Sinowatz, Gerhard Zeiler.
Man wusste schon damals nicht und im Rückblick erst recht nicht, worüber man sich mehr wundern sollte: über die Unverfrorenheit, mit der diese Hetze inszeniert wurde, oder über die Fehleinschätzung der SPÖ hinsichtlich der Reaktion der Bevölkerung.
Franz Vranitzkys Pläne
Die Rolle, die Zeiler in dieser Angelegenheit gespielt hatte, war für die SPÖ kein Hindernis, ihn 1994 auf den Posten des Generalintendanten des ORF zu berufen, erfüllte er doch die in ihn gesetzte Erwartung, das wichtigste öffentlich-rechtliche Medium des Landes in genehmem Sinne, also parteipolitisch gefärbt, zu führen. Immerhin konnte Zeiler diese ihm zugedachte Rolle vier Jahre lang spielen. 2005 wurde Zeiler, der inzwischen als Medienzar zum deutschen RTL übersiedelt war, von Franz Vranitzky als Alternative zu Alfred Gusenbauer als Parteiobmann der SPÖ ins Spiel gebracht; zum Glück wurde aus diesem Plan nichts. Ein Rest von Instinkt und Tradition hinderte die Partei daran, dem Schlangenrat Vranitzkys zu folgen.
Doch Zeiler und Vranitzky sind nach wie vor wesensverwandt – beide kaltschnäuzige Technokraten, denen alle ideologischen Debatten lästig und traditionelle Gefühlswerte überflüssige Sentimentalitäten sind.
So gut Vranitzky als Regierungschef und als Repräsentant des Landes auch war, als Parteivorsitzender war er eine Fehlbesetzung, unter dessen Ägide der Konsum und die „Arbeiter-Zeitung“, aber eben nicht nur Institutionen, sondern auch traditionelle Gefühlswerte, die die Partei auch zu einem menschlich ansprechenden Aufenthaltsort machten, verloren gingen.
Die Devise, die nunmehr galt und auch weiterhin gilt, ist die der rücksichtslosen Verfolgung des eigenen Vorteils. In der Ersten Republik warfen die Sozialdemokraten den Christlich-Sozialen vor, dass bei ihnen der „Gott Nimm“ regiere. Heute regiert dieser Gott bzw. Götze in der SPÖ nicht minder.
Moralischer Vorsprung ist weg
Das Bewusstsein, dass eine Partei, die für Gleichheit und Solidarität eintritt, nur dann glaubwürdig bleiben kann, wenn sich ihre Funktionäre eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegen, ist verloren gegangen und damit auch der moralische Vorsprung, auf den man sich früher etwas zugutehielt.
Unter diesen Umständen sind die Gerüchte über die bevorstehende Rückkehr Gerhard Zeilers, auch wenn sie dann nicht in die Tat umgesetzt werden, Symptome eines immer weiter fortschreitenden Substanzverlustes einer historischen Bewegung. Zeiler ante portas ist jedenfalls viel eher eine gefährliche Drohung als eine zukunftsweisende Verheißung.
Norbert Leser (geb. am 31.5. 1933) war bis zu seiner Emeritierung 2001 Ordinarius für Gesellschaftsphilosophie an der Universität Wien.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2011)