Der Stellenwert von Erdgas wird steigen. Die Investition in bestehende Gebiete hat Vorrang vor einer Expansion in ferne Länder.
Der Änderung an der Spitze des OMV-Konzerns mit Gerhard Roiss als Nachfolger von Wolfgang Ruttenstorfer wird auch ein Strategiewechsel einhergehen. Die Weichen anders stellen möchte Roiss beim regionalen Wachstum und beim Gewicht der Divisionen: Exploration und Produktion (E&P) soll zulasten von Refining und Marketing (R&M) forciert werden, zudem soll Erdgas bis hin zur Verstromung einen immer höheren Stellenwert erhalten. Die neue Strategie wird im September präsentiert. Noch davor muss die OMV ihr Eigenkapital stärken - durch die Ausgabe von Aktien, durch eine Hybridfinanzierung oder eine Mischform davon -, darüber soll bis Mai oder Juni Klarheit herrschen, sagte der neue Chef Roiss.
Erdgas wird bedeutender
Investitionsschwerpunkte sind weiterhin die Region entlang der Donau bis zum Schwarzen Meer sowie die Türkei samt Umgebung, aber auch Aserbaidschan, die Kurden-Region im Nord-Irak, ferner Nordafrika sowie der Nahe und Mittlere Osten. Bei der Expansion ziehe man die Grenzen aber enger: "Gas in Aserbaidschan ist uns wichtiger als Gas in Neuseeland." Öl und Gas würden weiter das Kerngeschäft bilden, die Bedeutung von Erdgas werde jedoch zunehmen. Noch heuer werde man mit Gas- und Strom-Trading beginnen. Europa drohe durch sinkende Eigenförderung und wachsenden Gaskonsum eine Gas-Lücke, die durch AKW-Stilllegungen noch größer werde. Dem "Jahrhundertprojekt" Nabucco komme daher eine wichtige Rolle zu. Auch unter seiner Ägide stehe die OMV für Stabilität und Versorgungssicherheit, sagte Roiss.
Die aktuelle Situation im nordafrikanischen Land Libyen, aus dem die OMV früher ein Zehntel ihres Öls bezogen hat, bezeichnete Roiss als "sehr tragisch und bedauerlich". Man gehe davon aus, dass sich die Lage in den nächsten Monaten beruhige. Als Ersatz für fehlendes Libyen-Öl habe man zuletzt saudisches Öl zugekauft. Geplant sei auch der Erwerb kasachischen Öls. Vor der Krise hatte die OMV ein Zehntel ihrer Gesamtproduktion von 318000 boe/d aus Libyen bezogen, der Anteil an der Verarbeitung in Schwechat betrug sogar ein Fünftel.
Den Ölpreis sieht die OMV derzeit laut Roiss in einem Band von 100 bis 120 Dollar. Für einen weiteren Anstieg Richtung 200 Dollar oder einen Rückgang auf 70 Dollar fehlten derzeit die Argumente.
Börsegang von Borealis realistisch
Der Kunststoffhersteller Borealis, an dem die OMV 36 Prozent hält, könnte an die Börse gehen. "Es ist richtig, dass wir historisch immer von einem möglichen Börsegang gesprochen haben. Das gilt auch heute noch. Aber wir planen nichts Konkretes", sagte Roiss. An dem Unternehmen hält 64 Prozent der OMV-Kernaktionär IPIC. Bei 6,27 Milliarden Umsatz erzielte Borealis 2010 einen Nettogewinn von 333 Millionen Euro.
Enge Zeitfenster zum Dealen
Aus der "Insider-Causa" zieht der OMV-Konzern Lehren. Künftig dürfen die rund 300 Mitarbeiter im Vertraulichkeitsbereich nur noch viermal jährlich in Zeitfenstern von je 30 Tagen OMV-Aktien kaufen oder verkaufen, darüber hinaus nur mit Zustimmung des Compliance Officers, sagte Roiss. Grundsätzlich halte er es aber für "ganz wichtig, dass Manager Aktien am eigenen Unternehmen halten". Wie berichtet wurde Ex-OMV-Chef Ruttenstorfer wegen eines Aktiendeals in einem Strafprozess in erster Instanz freigesprochen und in einem Verwaltungsverfahren - ebenfalls noch nicht rechtskräftig - zu einer FMA-Geldstrafe verurteilt.
Um sich künftig "voll auf die OMV konzentrieren" zu können, wird Roiss sich von Aufsichtsratsposten zurückziehen, etwa bei der börsenotierten Österreichischen Post AG, kündigte er am Donnerstag an. Ja, er sei "der erste Generaldirektor der OMV ohne Parteibuch", das werde auch so bleiben. Persönlich beschreibt sich der passionierte Marathon-Läufer, der am Samstag 59 Jahre alt wird, als "Stratege", aber auch als "Baumeister", "Gestalter" und "Architekt". Er habe immer Architektur studieren wollen, "vielleicht mache ich das noch in der Pension". Er sei "ein echter OMVler, liebe dieses Unternehmen und dieses Geschäft", sagt Roiss. Der neue General ist seit 20 Jahren im Konzern verankert und gehört seit 1997 dem Vorstand an, seit Anfang 2002 war er Stellvertreter von Ruttenstorfer.
(APA)