Amanshausers Welt: 233 Sri Lanka

(c) Martin Amanshauser
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Andere reisen mit ihren Partnern durch Sri Lanka, ich mit meinem Driver Guide. Von der Nähe und der enormen Distanz zwischen West und Ost.

Ich bin kein Reisegruppenmensch. Mir fällt es schwer, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin gruppentauglich und eher kein Freak. Doch jedes Mal, wenn ich mit anderen unterwegs bin, überkommt mich die vage Sehnsucht, allein zu reisen.
Deshalb nahm ich das Angebot des Reiseveranstalters Marco Polo für einen Trip „im Privatwagen mit eigenem Driver-Guide“ sofort an. Die „Entdeckerreise“ unter dem Motto „Tempel, Tee und Tropenstrände“ sollte nach Sri Lanka führen. Driver-Guide klang ausgezeichnet. Es fixierte die Tatsache, dass wir keine Gruppe sein würden, sondern zu zweit.
Ein merkwürdiges Gefühl war das aber schon, um fünf Uhr morgens auf dem Flughafen von Colombo. Irgendwo wartete ein fremder Mann, mit dem ich die nächsten Tage verbringen würde, mit einem „Mr. Amanshauser“-Schild auf mich. Was, wenn er mich hasste? Oder ich ihn? Wenn er Mundgeruch hatte?

Er hieß Tharaka, sprach sich eher wie „Dark“ aus und wirkte ungefährlich. Während er den irren Linksverkehr perfekt meisterte, befragte ich Dark gleich einmal über die ethischen Konflikte der Insel. Er war Singhalese, doch zum Glück nicht übermäßig antitamilisch. Den aktuellen Präsidenten schätzte er, weil er „Frieden gebracht“ hatte. Außerdem roch er nicht aus dem Mund.
Dark war angenehm. In den Hotels bezog er ein Hinterzimmer für Driver-Guides, und wir verständigten uns per SMS. Täglich legte er den morgendlichen Abfahrtszeitpunkt fest: „Tomorrow we live at 8.00 a. m.“ Mich erleichterte, dass Dark nicht versuchte, krampfhaft Freundschaft zu schließen. Er beschäftigte sich lieber mit seinem Mobiltelefon. Er musste eine Freundin, eine sehr possessive Frau oder beides haben: Ununterbrochen nahm er stirnrunzelnd seine piepsenden Botschaften in Empfang. So durchquerten wir gemeinsam das singhalesische Sri Lanka. (Das tamilische kannte nämlich auch er nicht.)
Wir besuchten Hindutempel, Teeplantagen und Strandresorts. Meine Fragen beantwortete er stets kompetent. Im Übrigen ließen wir einander in Ruhe. Dark saß meist auf Bänken und schrieb SMS. In meinem Kopf erfand ich wahnwitzige Eifersuchtsdramen, in die sich der Arme verstrickt hatte. Alles nur meine Fantasie: Dark war vermutlich rechtschaffener, als ich je sein konnte.
Er schlug mir einen Elefantenritt vor (ich sagte Ja), einen Game-Ride (Nein), fuhr mich zur ayurvedischen Spice-Farm und zum Batikshop. Mir fielen seine traurigen Augen auf, wenn ich nichts kaufte, denn Dark, dessen Grundgehalt ich nicht kannte, war vermutlich prozentuell an den Umsätzen beteiligt. Einige seiner Angebote schlug ich ganz aus, aber ich merkte, wie unbedingt er an der Westküste einen Trip durch die Backwaters mit mir unternehmen wollte (80  Dollar). Da sagte ich zu. Wir bestiegen ein kleines Motorboot, sahen uns Krokodile an, besuchten ein Inselkloster und eine Fischzucht. Der Kapitän ließ mich sogar steuern. Dark trug einen Sonnenhut, hatte keinen SMS-Empfang und wirkte glücklich.

Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, www.amanshauser.at

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