Musikverein: Altvertrautes klingt plötzlich wie neu

(c) APA (Georg Hochmuth)
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Debütant Bertrand de Billy setzte die Symphoniker unter Hochspannung. Er hatte von Kreizbergs Programm Prokofieffs zweites Violinkonzert übernommen, mit Leonidas Kavakos als Solisten.

Yakov Kreizberg sollte die Konzerte der Wiener Symphoniker dieser Tage in Wien und Bregenz leiten. An den früh Verstorbenen erinnerten die Musiker, deren „erster Gastdirigent“ Kreizberg gewesen ist, mit einer Aufführung von Mozarts „Maurerischer Trauermusik“ am Mittwochabend.

Nach der Gedenkminute trat – als Einspringer – erstmals Bertrand de Billy ans Pult des Orchesters. Er hatte von Kreizbergs Programm Prokofieffs zweites Violinkonzert übernommen, mit Leonidas Kavakos als Solisten, der mit gradlinig-sicherem Spiel vor allem jene Facette dieser Komponistenpersönlichkeit herausstrich, die wohl die am wenigsten bekannte ist: Prokofieff war einer der großen Melodiker des 20. Jahrhunderts.

Prokofieff, der Melodiker

Nicht zuletzt anhand des Mittelsatzes lässt sich das wunderbar demonstrieren. Man kann die Linien, die hier gezogen werden, geradezu ins Unendliche weiterführen, und den Hörer, modelliert man den Klang entsprechend sensibel, konsequent in Atem halten. Die Symphoniker trugen das Spiel von Kavakos mit feinsinnigen, rhythmisch elastisch gesetzten Farbtupfern. Russische Moderne als subtiles Spiel mit der Form.

Die klangliche Differenzierungskunst feierte in diesem Konzert überhaupt Triumphe. Nicht alle Tage nutzen die Symphoniker so willig und energetisch ihre koloristischen Fertigkeiten: Unter de Billy spielt man mit hundertprozentigem Engagement. Was über die Jahre hin für das Radiosymphonieorchester galt, setzt sich bei den Symphonikern offenbar fort. Dieser Dirigent ist imstande, ein Orchester über alle Routine hinaus in die Regionen eines spontanen, improvisatorisch-ausdrucksgeladenen Musikantentums zu führen.

Webers heikle „Oberon“-Ouverture hatte daher vom ersten Horn-Ton an Atmosphäre, die berüchtigte Rubato-Stelle im Allegro-Teil kam mit schlafwandlerischer Sicherheit und machte den erwünschten, vorwärtstreibenden Effekt. Und Dvořáks „Neue Welt“-Symphonie, die viel Gespielte, schien frisch herausgeputzt wie zum festlichen Anlass, bei dem sämtliche Qualitäten in neuem Licht präsentiert werden sollen.

Ein Ausnahmeabend

Es war, als könnte der Dirigent auf dem Orchester spielen wie ein Pianist auf seinem Instrument: dem Gebot des Augenblicks folgend Schattierungen, Nuancen vornehmen, Pointen setzen. Und dynamisch niemals übers Ziel schießen. Das äußerste Fortissimo, gleichwohl herrlich transparent und leuchtend, erreichte man erst zur Apotheose am Ende der symphonischen Entwicklung. Alles, was voranging, war sorgsam gestaffelt, natürlich geatmet, auch dort, wo kraftvolle Akzente gesetzt wurden.

Ein Ausnahmeabend, das fanden offenbar auch die Musiker, und dirigierten den Applaus auf den neu gewonnenen Maestro um.

Wiederholung: Samstag, 19.30 Uhr im Großen Musikvereinssaal. Heute, Freitag, im Bregenzer Festspielhaus: Weber, Dvořák und Mozarts Klarinettenkonzert mit Reinhard Wieser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2011)

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