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Wie bastelt man ein Feindbild?

Die Wiener Türkenbelagerung 1683 und ihre Folgen: warum Erinnerungskultur mehr über die jeweilige Gegenwart aussagt als über die Vergangenheit. Eine Tour d'Horizon von Joseph II. bis zu Wiens Gemeinderatswahlkampf des Vorjahrs.

Gerade im Zusammenhang mit Jubiläumsfeiern, wir wissen es, werden Reden gehalten und Denkmäler enthüllt. Nicht anders naturgemäß, wo es um die Erinnerung an die Abwendung der „Türkengefahr“ geht, namentlich die zweite Türkenbelagerung Wiens 1683. Diese Erinnerungskultur kann aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Zum einen weisen Denkmäler auf eine Gefahr hin, die durchaus real war und viele Menschen das Leben gekostet hat. Die Wiener haben den Schock einer osmanischen Belagerung verständlicherweise nicht von heute auf morgen verdaut. Zum anderen gab es auch eine politisch und religiös motivierte Erinnerungskultur. Und die prägt bis in unsere Tage das Bild der Türken hierzulande.

So hat sich vom Mythos Türkenbelagerung nicht zuletzt die katholische Kirche lange genährt. Maßgeblich war sie daran beteiligt, den Sieg über die Osmanen zu stilisieren und den Erfolg im Glaubenskrieg jahrhundertelang wachzuhalten. Kurz nach der zweiten Belagerung Wiens beispielsweise wurde das Fest „Mariä Namen“ offiziell in das katholische Kirchenjahr aufgenommen, als Gedenktag an den Sieg über die osmanischen Truppen 1683. Mariä Namen – ursprünglich ein Fest zu Ehren Marias heiligem Namen – war zwar bekannt, wurde aber nur in Teilen Spaniens gefeiert. Mit der Aufnahme in den katholischen Kalender wurde dem Sieg über die Osmanen gewissermaßen ein globales Mahnmal gesetzt. Mariä Namen wird jährlich am 12. September begangen, dem Jahrestag der Schlacht am Kahlenberg.

Das 100-Jahr-Jubiläum zur zweiten Belagerung wurde noch unspektakulär begangen. Im Jahr 1783 regierte Joseph II. die habsburgischen Länder, ein aufgeklärter Monarch, der die Beziehung des Staates zur Religion reformieren wollte. Unter seiner Ägide wurden Kirchen, Klöster und Bruderschaften aufgelöst. In den Jahren 1781 und 1782 wurden zudem Toleranzpatente erlassen, die den Protestanten, den Griechisch-Orthodoxen und den Juden Religionsfreiheit gewährten.

Wohl durch die beschnittene Macht der Kirche beschränkte sich die Erinnerung an die Osmanengefahr im Großen und Ganzen darauf, dass man froh war, die Gefahr überwunden zu haben – und dass die Beteiligten tapfer gekämpft hatten. Eine Jubiläumsprozession fand dennoch statt: von der Augustinerkirche zum Stephansdom, wo es anschließend eine Predigt gab. Das alles ereignete sich noch zu einem Zeitpunkt, zu dem das Osmanische Reich ein ernst zu nehmender militärischer Faktor war – sieben Jahre später sollte die Monarchie einen letzten Krieg gegen die Osmanen führen.

 

„Bildungs- und culturfeindlich“

Ganz anders das 200-Jahr-Jubiläum. Paradoxerweise wurde damals, als das schwächelnde Osmanische Reich schon als der „kranke Mann am Bosporus“ galt, stärker an die Türkengefahr gemahnt als 100 Jahre davor. Ein Hinweis darauf, dass Jubiläumsfeiern mehr über die jeweilige Gegenwart aussagen als über die Vergangenheit. Allein die Vorbereitungen dauerten Jahre, und pünktlich am 12. September 1883 wurde auch das neue Wiener Rathaus eingeweiht.

Die Kirche gedachte mit einer dreitägigen Feier an den Sieg über die „bildungs- und culturfeindliche Herrschaft“ des „Muhamedanismus“. Der damalige Papst, Leo XIII., schrieb zum Jubiläum einen Brief an den Wiener Fürsterzbischof und warnte vor dem aus katholischer Sicht aktuellen Feind, dem Liberalismus. Die Erinnerung an die vergangene Gefahr – die Osmanen – wurde so zum Anlass genommen, um aktuelle „Glaubenskriege“ der Kirche anzusprechen. Der Feind war eben austauschbar. Am deutlichsten zeigt sich dieses Denken wohl in einer Rede des späteren Bürgermeisters und glühenden Antisemiten Karl Lueger im Jahr 1895. Anlässlich der bevorstehenden Bürgermeisterwahlen konstatierte er: „Heute ist der denkwürdige Tag der Befreiung Wiens vor den Türken, und hoffen wir, dass wir eine größere Noth von uns abwälzen als die Türkennoth, nämlich die Judennoth.“

Die Übertragung der von den Osmanen ausgehenden Gefahr auf aktuelle politische Gegner wurde im Jahr 1933 erneut geübt, anlässlich des 250-Jahr-Jubiläums. Die Gedenkfeier wurde maßgeblich von der katholischen Kirche getragen. Kein Wunder, schickte sich der politische Katholizismus doch soeben an, eine Diktatur zu errichten. Vom 7. bis zum 12. September wurde in Wien der „Deutsche Katholikentag“ gefeiert. Das Regime des christlichsozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß – er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das Parlament ausgeschaltet – benützte die Veranstaltung als Bühne, um sich als Bollwerk gegen die aktuelle Gefahr, der das christliche Abendland angeblich ausgesetzt war, darzustellen: gegen die Sozialdemokraten.

Ein bezeichnendes Beispiel ist die Rede Dollfuß' am 11. September an der Wiener Trabrennbahn. Zunächst geht er kurz auf die Osmanengefahr vergangener Tage ein, nachfolgend aber lässt er sich lang über die neuen Feinde aus, etwa den „Marxismus“: „Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker und autoritärer Führung.“ Die Türkei nahm im Übrigen trotz Einladung nicht an den Feierlichkeiten teil; dort zeigte man sich sogar verärgert über die vielen Veranstaltungen zu diesem Anlass.

Das Ideal der Rolle Österreichs als Bollwerk des Abendlandes wurde auch nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland hochgehalten: Die historische Türkengefahr wurde nun auf die Sowjetunion und später auf Frankreich umgelegt. Dabei wurde der Triumph am Kahlenberg nicht nur Österreich, sondern ganz Deutschland gutgeschrieben und zu einem „gesamtdeutschen Ereignis“ erklärt.

Einen Weltkrieg und einen Wiederaufbau später war Österreich im Jahr 1983 eine gefestigte Demokratie. Es herrschte Prosperität, Frieden, und die Feindschaft zwischen der Sozialdemokratie und der katholischen Kirche war überwunden. Zur Türkei pflegte man gute Beziehungen – in diesem Sinne wurde auch das 300-Jahr-Jubiläum begangen. Feindliche Töne gegen die Republik Türkei wurden vermieden. Diesmal beteiligte sich selbst der ehemalige Gegner offiziell am Jubiläum: Der türkische Botschafter in Wien, Ecmel Barutçu, ließ zu Beginn der Feierlichkeiten eine Janitscharenkapelle auftreten. Türkische und österreichische Historiker veranstalteten Symposien zum Thema, im Mittelpunkt der Erinnerung stand diesmal der Befehlshaber des Entsatzheers von 1683, der polnische König Jan Sobieski. Wohl kein Zufall, stammte der damalige Papst, Johannes Paul II., doch auch aus Polen. Der Papst reiste zum „Österreichischen Katholikentag“, der just im September stattfand, eigens nach Wien. Und allein seine Anwesenheit zeigt, dass die katholische Kirche diesem Tag noch immer besondere Bedeutung beimaß. Der Papst besuchte zudem die Kirche St. Josef auf dem Kahlenberg, von wo aus die siegreichen Truppen in die Schlacht zogen. Dennoch: Dass Johannes Paul II. ausdrücklich darauf hinwies, bei der 300-Jahr-Feier gehe es nicht um einen Sieg im Krieg, sondern vielmehr um den heutigen Frieden, war immerhin als Umdenken der katholischen Kirche zu werten.

„Zwei Türkenbelagerungen waren schon, die dritte haben wir jetzt. Jetzt geht es halt auf einem anderen Weg.“ In einem Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ brachte der damalige Bischof von St. Pölten, Kurt Krenn, 2002 die aktuellen Integrationsprobleme mit der Historie in Zusammenhang. Krenn sah eine dritte Belagerung auf Österreich zukommen, und zwar nicht von außen – wie die historischen Belagerungen –, sondern von innen. Und so ganz nebenbei setzte er Arbeitsmigranten mit brennenden und mordenden Horden gleich.

Kein Einzelfall: Gerade in der jüngsten Vergangenheit werden die zeitgenössischen Gegebenheiten wieder verstärkt mit der Geschichte in Verbindung gebracht, diesmal ist allerdings nicht die katholische Kirche federführend – die Aussage Krenns sollte eine Ausnahme bleiben –, sondern die politische Rechte. Sie greift zurück auf die im kollektiven Gedächtnis gespeicherten und immer wieder abrufbaren Bilder, um die türkischen Migranten zu stigmatisieren und sich selbst in der Rolle der heroischen Verteidigers der Stadt und damit des Abendlandes zu inszenieren.

 

„Wünn's düsmül nix würd“

Deutlich macht das der Wahlslogan „Abendland in Christenhand“, den die FPÖ bei den EU-Parlamentswahlen 2009 affichierte. Ein anderer symbolträchtiger Spruch derselben Partei lautet: „Pummerin statt Muezzin“. Dass die Pummerin ursprünglich ausgerechnet aus osmanischen Kanonenkugeln gegossen wurde, verleiht der Botschaft zusätzliche Schärfe.

Ganz direkt auf die osmanische Gefahr nimmt ein Comic der FPÖ Bezug, der während des Wiener Gemeinderatswahlkampfes 2010 an Wiener Haushalte verteilt wurde: mit Heinz-Christian Strache als „Superheld“, der seinen Arm in die Richtung eines anderen Mannes ausstreckt – des „Türkensiegers“ Prinz Eugen. Erzählt wird die Geschichte der zweiten Türkenbelagerung, wobei die osmanischen Truppen und der türkische Akzent persifliert werden („Wünn's düsmül nix würd, müssen müne Nachfülger halt zür EÜ“). Besonders problematisch – die Belohnung, die der „Superheld“ einem Burschen in Aussicht stellt, der eine Steinschleuder in Händen hält: „Wennst dem Mustafa ane aufbrennst, kriagst a Hasse spendiert.“ Kleine Kinder würden durch diese Darstellung ermutigt, Gewalt anzuwenden, meinten Kritiker.

Im Überblick ist leicht zu erkennen: Das Problem an der jahrhundertelang praktizierten Erinnerungskultur in Sachen Türkenbelagerung liegt nicht darin, dass überhaupt an die Belagerungen und die Schlacht am Kahlenberg erinnert wurde. Das Problem liegt vielmehr in der Vermittlung eines verzerrten Geschichtsbildes. All die hier vermittelten Motive konstruieren ein „Feindbild Islam“, in dem die aus dem muslimischen Raum eingewanderten Migranten mit den osmanischen Belagerern von ehedem gleichgesetzt werden. Sicher, das Feindbild Islam ist mittlerweile schon ein globales Phänomen. Eine hiesige Besonderheit allerdings ist, dass für dieses Feindbild durch die beiden Türkenbelagerungen Wiens eine gern benutzte historische Folie zur Verfügung steht. Und die prägt das Bild der türkischen Gemeinde hierzulande bis zum heutigen Tag. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2011)