Im Vorjahr gingen "nur" 11.000 Mitglieder verloren, das zweitniedrigste Minus seit 1992. Der Einfluss von Gewerkschaftern auf die Regierung hilft dem ÖGB.
Wien. Der ÖGB-Bundesvorstand wird erst am kommenden Dienstag informiert, der „Presse" liegen die Details bereits vor. Die Entwicklung der Mitgliederzahlen des Gewerkschaftsbundes ist zwiespältig: Der Schwund hielt zwar auch im vergangenen Jahr an, der ÖGB verlor weitere 11.079 Mitglieder und hält damit Ende 2010 bei einem Stand von 1.211.111 Personen. Allerdings ist das der zweitschwächste Aderlass innerhalb der vergangenen 20 Jahre, nur 2008 war der Rückgang mit minus 9205 Mitgliedern noch etwas geringer.
Die im Vergleich kleine Lücke bei den Mitgliederzahlen im Vorjahr (minus 0,9 Prozent) ist jedenfalls bemerkenswert. Denn dem ÖGB mit seinem seit Dezember 2008 im Amt befindlichen Präsidenten Erich Foglar ist es 2010 zur Zeit der noch akuten Wirtschaftskrise gelungen, seine Mitglieder weitgehend bei der Stange zu halten und zu mobilisieren.
Schwund bei den Arbeitern
Ungetrübt ist die Entwicklung allerdings nicht, auch wenn der Schwund deutlich gebremst werden konnte. Zum Vergleich: Seit der Jahrtausendwende verlor er in immerhin sieben Jahren jeweils deutlich mehr als 20.000 Mitglieder, nach der Bawag-Krise im Jahr 2006 wurde der stärkste Rückschlag mit einem Minus von 63.410 Mitgliedern verzeichnet.
Allerdings setzen sich zwei Trends fort: Der öffentliche Dienst, speziell die ohnehin gut aufgestellte Beamtengewerkschaft legt weiter zu, die Arbeitergewerkschaften schrumpfen. Die Beamten haben damit die fusionierte Produktionsgewerkschaft (die früheren Metaller) von der Position der zweitstärksten Einzelgruppierung im ÖGB verdrängt.
Starke GPA und Beamte
Auffallend ist weiters, dass diesmal die Gewerkschaft der Privatangestellten und Drucker (GPA-DJP) als größte der verbliebenen sieben Teilgewerkschaften mit 1301?neuen Mitgliedern den stärksten Zuwachs verzeichnet. Dieses Plus geht vor allem auf Zugänge im Handel zurück.
Zugleich ist die Zunahme bei der GPA mit ihrem Vorsitzenden Wolfgang Katzian, der auch Chef der SPÖ-Fraktion im ÖGB ist, kein Zufall.
Die Privatangestellten mit Katzian und Bundesgeschäftsführer Dwora Stein an der Spitze sind es, die an vorderster Front im Kampf um die höhere Besteuerung von Vermögen marschieren. Mit der Forderung nach einer eigenen Vermögenssteuer wurde die SPÖ-Führung angetrieben, die GPA war die erste Gruppierung, die ein eigenes Vermögenssteuermodell erarbeitet hat („Die Presse" berichtete). Für mehr Geld für den Sozialbereich wurde im Vorjahr vor dem Kanzleramt demonstriert.
Auf der schwarzen Seite des ÖGB steht dem die straff organisierte Beamtengewerkschaft mit ihrem Vorsitzenden Fritz Neugebauer gegenüber. Diese bietet nicht nur bei der zahlenmäßig großen Gruppe der Lehrer der Bundesregierung beständig die Stirn.
Der klar SPÖ-dominierte ÖGB profitiert - unterstützt von der gleichfalls sozialdemokratischen Arbeiterkammer - von zwei Achsen. Das Verhältnis wichtiger ÖGB- und AK-Funktionäre (Katzian, AK-Direktor Werner Muhm) zu Bundeskanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann ist im Gegensatz zu jenem mit dessen Vorgänger Alfred Gusenbauer bestens.
Außerdem hat der ÖGB mit seinem früheren Präsidenten Rudolf Hundstorfer eine Zentralfigur als Sozialminister in der Regierung. Der mit allen Wassern gewaschene ehemalige Sozialpartner-Vertreter Hundstorfer führte bei vielen Beschlüssen von der Bewältigung der Wirtschaftskrise mittels Kurzarbeit bis zuletzt zum Anti-Lohndumping-Gesetz vor der Ostöffnung der EU mit Regie. Ohne Sozialpartner läuft nichts - und das nicht zum Nachteil des ÖGB.