Naturschutz denkt um: "Die Fremden umarmen!"

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Biologie: Auf den Galapagosinseln will man „Bioinvasoren“ nicht mehr bekämpfen, sondern integrieren.

„Der Krieg gegen die Ratten ist erklärt!“, „Kampf dem China-Baum!“, „Santiago ist ziegenfrei!“ Man wähnt sich an der Front, wenn man im Netz unter „Bioinvasoren“ sucht: Das sind Lebewesen, die von Menschen in Regionen gebracht wurden, in denen sie zuvor nicht gewesen sind – und die sie dann zu ruinieren drohen: Auf Guam etwa pfeift (fast) kein Vogel mehr, seit mit der US Air Force im Zweiten Weltkrieg blinde Passagiere kamen, Schlangen. Die dezimierten die Vögel, dann litten die Bäume, ihre Samen wurden nicht mehr verbreitet.

Noch trostlosere Bilder boten sich auf der Ikone der unberührten Natur, den Galapagosinseln. 1970 waren Ziegen auf die Insel Isabella gebracht worden, manche verwilderten, 1997 fraßen 150.000 alles kahl, Schildkröten fanden kein Futter mehr. Da warfen die Naturschützer alles an die Front, von Hubschraubern bis zu „Judas-Ziegen“: Das sind Weibchen, die man mit Hormonen versieht, auf dass sie in Dauerhitze sind und die letzten wilden Männchen zu sich und vor die Flinten locken: 2009 war Santiago ziegenfrei.

Aber so einfach geht es mit anderem Leben nicht. Pflanzen wird man kaum wieder los, und von manchen – vor allem von einer Brombeere – sind Regionen der Insel Santa Cruz so überwuchert, dass sonst kaum etwas gedeiht: „Auf 30.000Hektar ist die Biovielfalt durch die Brombeere um mindestens 50Prozent reduziert“, bilanziert Mark Gardener, der seit 20Jahren als Chef der Charles Darwin Research Station (CDRS) an der „Reinhaltung“ der Ökosysteme arbeitet.

„Galapagosinseln werden nie ursprünglich“

Für ihn ist das nun genug, er will das Ruder herumreißen: „Als Wissenschaftler und Naturschützer müssen wir uns eingestehen, dass wir keinen Erfolg hatten: Die Galapagosinseln werden nie ursprüngliche Natur sein. Es ist Zeit, die Fremden zu umarmen. Für mich ist die Brombeere eine nun auf den Galapagosinseln heimische Pflanze“ (Science, 331, S.1383). Sie soll nicht länger ausgerottet, sondern nur noch in Grenzen gehalten werden.

Das macht innerhalb der CDRS viel böses Blut. Aber zum einen sind zu viele „Invasoren“ da – als Menschen die Galapagosinseln besiedelten, gab es 500Pflanzenarten, inzwischen kamen 640 dazu –, und zum Zweiten wird man ihrer nicht Herr: Gegen 24Arten hat man Hacken, Pestizide und eine Million Dollar eingesetzt, bei vier hatte man Erfolg.

Und zum Dritten ist gar nicht sicher, ob man ihrer Herr werden soll – oder sie begrüßen: Seit 2006 läuft eine verbissene Grundsatzdebatte über den Sinn der „ursprünglichen Natur: Damals hatten sich Forscher um Richard Hobbs (University of Western Australia) für ,neue Ökosysteme‘ mit Einwanderern stark gemacht: In Wäldern Panamas etwa fand sich höhere Biodiversität, wenn Neue da waren. Ähnliches zeigte sich in Neuseeland: Zu den 2068heimischen Bäumen kamen durch Menschen 2069 neue, verdrängt wurden nur drei. Dave Cox (Brown University) bilanzierte es und schloss: „Die Verbindung von ,Exoten und böse‘ ist unwissenschaftlich“ (Pnas, 105, S.11490).

Die Gegenfraktion hält zurück: „Diejenigen, die nun resigniert ,neue Ökosysteme‘ managen wollen, tun nichts anderes, als die Pflanzenwelt der Erde zu homogenisieren“, erklärt William Laurence (James Cook University): „Das wird ein ganz neues Erdzeitalter bringen: das Homogozän.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2011)

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