"Schön bist du, meine Freundin": Über Freundschaft, die ausstrahlt

Starke Freundschaft zieht an, sie inspiriert und reißt mit. Welche Liebenden strahlen auf mich aus?

Sinnliche Liebesdichtung des alten Orients in höchster Poesie entdecken Forscher im „Lied der Lieder“. Der Text – komponiert in den letzten Jahrhunderten v.Chr. im Vorderen Orient – bringt in dialogisch wechselnden Kurzgedichten die Sehnsucht zweier Liebender zum Ausdruck. „Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein“, setzt die weibliche Stimme ein.

„Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön, deine Augen sind Tauben“, antwortet der Liebhaber. Die beiden schwärmen voneinander: „Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen. Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes so ist mein Geliebter unter den Söhnen. In seinem Schatten zu sitzen gelüstet's mich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.“

Doch sind sie noch voneinander getrennt: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt.“

Joh 12, 9

Viele Juden hatten erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch, um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte.

In zahlreichen poetischen Bildern besingen sie erotische Schönheit: „Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden. Wie eine Palme ist dein Wuchs; deine Brüste sind wie Trauben.“

So intim dieses Zwiegespräch in Gedichten auch ist, die in ihnen besungene Liebe weckt Aufmerksamkeit.

Diese Entdeckungsreise in die Liebeswelt des alten Orients lässt sich leicht vertiefen, indem man das Hohelied Salomos zur Gänze liest. Welches Glück, dass sich die jüdischen Rabbinen ebenso wie die frühchristlichen Konzilien dafür entschieden, diese erotischen Texte in den Kanon ihrer religiösen Schriften aufzunehmen und uns zu überliefern!

In dichterisch höchst komplexer Form bringt dieses Werk eine schlichte Wahrheit zum Ausdruck. Starke Zuneigung ist nicht nur für die Liebenden selbst bewegend und erfüllend, sie strahlt auch auf ihre Umwelt aus. Sie weckt Aufmerksamkeit, Interesse, inspiriert, reißt mit.

Dies gilt nicht nur für erotische Liebe, sondern für jede starke Freundschaft. Konstruktive politische Bewegungen, kreative Firmen, geistreiche Forschungen entstehen aus intensiven Freundschaften. Auch am Anfang des Christentums stand die Freundschaft des Jesus von Nazaret mit Lazarus aus Betanien, deren Stärke den Tod bezwang und die so viele anzog.

In diesen Frühlingstagen erwachen Blüten aller Art, junge Pärchen erfrischen die Städte. Auch wer allein ist, darf sich mit den Glücklichen freuen. Welche Liebenden strahlen auf mich aus?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2011)