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Westerwelle: Der Ex-Platzhirsch und seine Bambis

Westerwelle ExPlatzhirsch seine Bambis
Westerwelle(c) REUTERS (TOBIAS SCHWARZ)
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Für FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle wird nach dem Wahldebakel die Luft immer dünner. Am Montag könnte bei der Präsidiumssitzung der Liberalen die Stunde der jüngeren Generation kommen.

Wenn Guido Westerwelle heute, Sonntag, von seiner Asienreise zurückkehrt, erwartet ihn keine angenehme Situation: Die FDP ist in Aufruhr, die heftige Personaldebatte, so viel steht fest, kann in dieser Form nicht weiterlaufen, weil sie letztlich auch die Regierungsarbeit der Partei beschädigt. Seit der Schlappe der Liberalen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erschallen täglich, inzwischen sogar fast stündlich, Rufe nach Westerwelles Rücktritt vom Parteivorsitz.

Zuletzt schalteten sich auch gewichtige Leute ein, wie Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die erklärte, dass keiner „an seinem Posten kleben sollte“, oder Fraktionschefin Birgit Homburger: „Wir reden über alle.“ Bei solchen Aussagen ist klar, dass es vor allem um einen geht: um Westerwelle. Die Forderungen nach Trennung von Parteivorsitz und Außenministerposten gibt es schon lange, aber nie waren sie so eindringlich wie jetzt. Als Parteichef hat Westerwelle den Rückhalt auch an der Basis verloren; in einer Forsa-Umfrage bezeichnen ihn 65 Prozent der Deutschen als den Hauptschuldigen für die Existenzkrise der FDP.

Immer wieder hat Westerwelle einen Rückzug als Parteichef ausgeschlossen. Jetzt aber wird der Druck so groß, dass dieser Schritt bevorstehen dürfte. In Berlin verdichteten sich zuletzt die Gerüchte, bereits am morgigen Montag würde in der Präsidiumssitzung die Entscheidung fallen, dass Westerwelle den Vorsitz abgibt, beim FDP-Parteitag Mitte Mai also nicht mehr für den Posten antritt.

Damit könnte die Stunde der „Bambis“ gekommen sein. Der Spitzname, den Generalsekretär Christian Lindner (32) einst als blutjunger Abgeordneter des Landtags von Nordrhein-Westfalen (NRW) von Jürgen Möllemann verpasst bekommen hatte, ist mittlerweile allgemein für die jüngere Generation der FDP in Gebrauch, der auch Gesundheitsminister Philipp Rösler (38) und NRW-Landeschef Daniel Bahr (34) angehören. Sie sollten die Macht an sich reißen, forderte dieser Tage der Alt-Liberale und frühere Innenminister Gerhard Baum.

Lindner hat sich bisher immer betont hinter Westerwelle gestellt. Aber wenn die Zeit reif ist, wäre er wohl geeignet, den Parteichef abzulösen. Zweifel gibt es allenfalls, weil er noch so jung ist; abgesehen davon werden jedoch große Hoffnungen in das politische Naturtalent gesetzt. Lindner gilt als intellektuell brillant und rhetorisch höchst begabt.

Auch Rösler, FDP-Landeschef von Niedersachsen, genießt in der Partei hohes Ansehen. Mit dem Gesundheitsressort hat er bereits ein gewichtiges Regierungsamt inne, mit dem Parteivorsitz käme eine zusätzliche Belastung dazu. Schon jetzt klagt der Vater von Zwillingen, zu wenig Zeit für seine Familie zu haben, die in Hannover lebt. Dennoch soll auch Röslers Bereitschaft, den Parteivorsitz zu übernehmen, dem Vernehmen nach zuletzt zugenommen haben.

Falls Westerwelle als Parteichef abtritt, will er dennoch Außenminister bleiben. Das wäre kein neues Modell: Auch Hans-Dietrich Genscher hatte 1985 nach fast zehn Jahren den FDP-Vorsitz abgegeben und blieb bis 1992 Chef des Auswärtigen Amts. Westerwelle steht inzwischen ebenfalls knapp zehn Jahre an der Spitze der Liberalen.

Dass es ihm gelang, die Partei nach elf Jahren in der Opposition wieder an die Regierung zu bringen, scheint fast in Vergessenheit geraten zu sein. Die fast 15 Prozent der FDP bei der Bundestagswahl im Herbst 2009 sind ein Ergebnis, von dem sie heute nur träumen kann. Der einstige „Spaßpolitiker“, der mit dem Guidomobil durch die Lande gefahren war, hatte sich zu einem Oppositionspolitiker gewandelt, dem diese Rolle auf den Leib geschrieben schien. Aber kaum waren die Liberalen in der Regierung, ging es bergab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2011)