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Charlie Watts: Back to Urgestein

Charlie Watts Back Urgestein
Charlie Watts Back Urgestein(c) APA/ANDREAS ZEPPELZAUER (ANDREAS ZEPPELZAUER)
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"Boogie ist die Basis des Rock'n'Roll", sagt Stones-Schlagzeuger Charlie Watts – und spielt ihn. Auch auf einem neuen Album zum Gedächtnis des Pianisten Ian Stewart.

Ich spiele immer noch für ihn“, schreibt Keith Richards in seiner Autobiografie „Life“: „Für mich sind die Rolling Stones seine Band.“ Wen kann der Alte meinen? Mick Jagger? Wohl eher nicht. Charlie Watts? Klingt schon plausibler. Aber die richtige Antwort ist: Ian Stewart.

Für Nicht-Stones-Experten: Ian Stewart war Gründungsmitglied der Rolling Stones, bis ihm 1963 deren Manager Andrew Oldham bedeutete, er sei nicht mehr erwünscht, da er optisch nicht ins Bild der Band passe. (Tatsächlich sah der eher behäbige Ian Stewart mit seiner freundlichen Miene und dem auffallend prominenten Kinn nicht so aus, wie Oldham wollte, dass sich die Welt einen Rolling Stone vorstellt, nämlich cool, grimmig und hager.)

Stewart war gekündigt, Stewart blieb, als Road-Manager und Pianist. Hauptberuflich war er Elektriker, als er Meister wurde, schenkten ihm die Rolling Stones ein Elektrikergeschäft. Er spielte nebenbei mit anderen Bands, etwa Led Zeppelin (deren Titel „Boogie With Stu“ ihm gewidmet war), gründete selbst die Formation „Rocket 88“. Am 12. Dezember 1985 starb er an einem Herzinfarkt. So ging nicht in Erfüllung, was er sich immer vorgenommen hatte: „Ich war bei der ersten Stones-Show, ich werde bei der letzten sein.“

Alle Stones versammelt. Immerhin ist es ihm 25 Jahre nach seinem Tod gelungen, alle (lebenden) Stones zu vereinen: Der Boogie-Pianist Ben Waters, ein Bewunderer Ian Stewarts, hat ein Album namens „Boogie 4 Stu“ eingespielt. Mit prominenten Gästen, darunter seiner Cousine PJ Harvey: Im Hippie-Haushalt ihrer Eltern hatte er einst Ian Stewart persönlich kennengelernt. Und mit Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood, Charlie Watts und Bill Wyman: Sie interpretieren mit Waters einen Bob-Dylan-Song, das lapidare „Watching The River Flow“. Wie er die fünf versammeln konnte? „Nun, zuerst war Charlie. Charlie holte Ron. Wenn Ron dabei ist, muss auch Keith dabei sein. Und wenn Keith dabei ist...“

Alles klar. Und wieso gerade diesen Song? Das erklärt Charlie Watts einleuchtend: „Stu hat immer gesagt: Bob Dylan hat nur einen einzigen anständigen Song geschrieben. Und er meinte diesen. Es ist auch klar, warum: Auf ,Watching The River Flow‘ ist ein Boogie-Klavier drauf.“

Denn Ian Stewart war, was Watts singular-minded nennt: „Er dachte gar nicht daran, seinen Geschmack zu ändern. Als ich ihn das erste Mal traf, schwärmte er von Lionel Hampton, kurz vor seinem Tod schwärmte er von Lionel Hampton. Er mochte nur eine bestimmte Periode des Jazz. Sein Geschmacksspektrum war ausgesprochen eng; aber was er machte, machte er großartig. Er hat auch immer das gleiche Gewand getragen, sich immer gleich benommen. Solid as a rock.“

Charlie Watts, selbst auch nicht gerade unsolide, erzählt das in seiner typischen, sehr reservierten Art, leise, fast murmelnd. Man merkt: Es war weder Koketterie noch Arroganz, dass er lange Zeit gar keine Interviews gegeben hat. Er plaudert gern, aber lieber von Musiker zu Musiker und über Musiker. Er lobt Ben Waters, der mit ihm in einer dieser grässlichen Intercontinental-Suiten sitzt; Ben Waters lobt ihn. Und beide verteidigen den Boogie Woogie gegen alle Anfechtungen: „Boogie ist die Basis des Rock'n'Roll. Die meisten guten Rock'n'Roll-Pianisten sind Boogie-Pianisten.“


Nur nichts in Moll! Eben auch Ian Stewart. „Wenn er einen Song von Mick und Keith nicht mochte, spielte er ihn nicht. Dann fragten sie Nicky Hopkins. Stu verweigerte auch grundsätzlich alle Moll-Tonarten – was im Blues ein Problem sein kann. Darum ist auf dem Album jetzt auch kein Stück in Moll.“

Aber Boogie, sehr viel Boogie. Wie ihn Charlie Watts und Ben Waters auch mit ihrer Band „The ABC & D of Boogie Woogie“ spielen. „D“ steht für Dave Green, einen Bassisten und alten Freund von Charlie Watts, mit dem er gemeinsam schon vor Gründung der Rolling Stones Jazz gespielt hat. „Er ist in dieser Welt geblieben. Ich war eine Zeitlang in einer anderen...“ Und „A“? Das steht für einen Mann, den Watts wie „Swingenberger“ ausspricht und mit dem er seit vielen Jahren musiziert.

Zwingenberger swingt. Und so kam es, dass ein auch nicht mehr ganz junger Noch-immer-Popkritiker, der wie viele seines Schlages dem Phänomen Boogie Woogie mit einigem Dünkel zu begegnen pflegt, zu einem Boogie-Abend ins Wiener Metropol ging, bei dem u.a. Axel Zwingenberger auftrat, mit grauem Anzug und grellgelben Schuhen. Wie es war? Nun, die abwechslungsreichste und innovativste Musik ist Boogie nicht, aber man muss Charlie Watts recht geben, wenn er sagt: „Zwingenberger kann swingen.“

Das gilt natürlich für ihn selbst mindestens so sehr. Auch dazu darf man ein Zeugnis zitieren, das Keith Richards ausstellte, in einem Tagebuch aus dem Jahr 1963: „Charlie swingt ganz nett, aber er kann nicht rocken. [...] Er war mir immer noch zu jazzig. Uns war klar, dass er ein großartiger Schlagzeuger war, aber sein Spiel passte nicht zu den Stones.“

Nun, das sieht Keith Richards 48 Jahre später wohl nicht mehr so streng. Aber es stimmt: Das Geheimnis des Charlie Watts ist, dass er (vielleicht abgesehen von ein paar späten Stones-Nummern, die er zu erledigen hatte) immer swingt. Er war nie „erdig“, die Bier-und-Boden-Attitüde gewisser Hardrock-Schlagzeuger ist ihm wesensfremd. Dieser Mann ist Teetrinker („Nicht zu stark“, sagt er bei der Bestellung), Familienmensch und Jazzfreund – mit einem feinen Sinn für kleinste Finessen in einer Musik, in der sich im Großen nicht viel ändert. Auf der Bühne im Metropol reagierte er auf Pointen seiner Mitspieler mit seinem typischen Lächeln, für das er sein „Stone Face“ in Falten legt, ohne den Mund auch nur im Geringsten zu öffnen. Cool. Bei Stones-Konzerten lächelt er wohl weniger? „Aber nein. Halt nur für mich selbst. Auf einer so großen Bühne sind alle so weit weg. Da kann ich niemandem zulächeln. Mick Jagger sehe ich auf der Bühne gar nicht.“

Hat er nie daran gedacht, wie Ian Stewart einen Stones-Song zu verweigern? „Nie. Als Schlagzeuger kann man sich nichts aussuchen. Und außerdem: Ich mochte sie alle. Davon habe ich gelebt. Und das ist mein Leben.“

Ist es für ihn nicht ein bisschen enttäuschend, wenn zu einem Konzert des „ABC & D of Boogie Woogie“ so gar keine jungen Leute kommen? „Aber überhaupt nicht! Warum sollten junge Leute uns sehen wollen? Die haben ihre eigene Welt. Schauen Sie: Wir finden Bob Dylan wunderbar, aber Bob Dylan ist ein alter Mann. Wieso soll eine 20-Jährige für ihn schwärmen?“

Charlie Watts' Lieblingssong von Dylan ist übrigens „Lily, Rosemary and the Jack of Hearts“. Keine Frage: Der Mann hat Stil. Vielleicht sollten wir alle mehr Tee trinken und Boogie spielen. Mit Swing natürlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2011)

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