Die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst und die virtuose Dame Gillian Weir erprobten die neue Musikvereinsorgel erst einmal mit höchst weltlichen Klängen.
Die neue Musikvereinsorgel, frisch gesegnet, sollte gleich der äußersten Versuchung ausgesetzt sein. „Eine Alpensymphonie“ von Richard Strauss stand auf dem Programm des philharmonischen Konzerts unter Franz Welser-Möst, ein Werk, über dessen ersten Skizzen ausdrücklich noch der Titel „Der Antichrist“ prangt.
Strauss, der schon mit „Also sprach Zarathustra“ Friedrich Nietzsche gehuldigt hatte, schritt noch einmal zur Anbetung der Natur und der Unabhängigkeit des menschlichen Geistes. Wobei in der „Alpensymphonie“ noch weniger als in der früheren Tondichtung wirklich deutliche Parallelen zu Nietzsches Philosophie zu finden sind.
Die Texte dienten als Zündstoff für die musikalische Fantasie. Und diese erschließt sich in der Symphonie vor allem in pittoresker Instrumentationskunst, von einem – dem Goldenen Saal zuliebe reduzierten – reich besetzten Orchester in tausendfältig changierenden Mischtechniken vorgeführt.
Eine Bergwanderung, bei der jeder einzelne Stein, jede Blume, ja – Dirigent Welser-Möst vergisst es auf keiner Probe zu erwähnen – sogar der Tritt in einen Kuhfladen klangliche Entsprechung in Holzbläsertupfern, Blechbläserakkorden – oder eben in einem Bratschen-Glissando finden.
Wie viele Tropfen im Wasserfall? Das gilt angesichts der Unzahl an klingenden Bildern, die da zu einem symphonischen Film arrangiert werden müssen, in der Regel als überladen. Wenn aber ein Dirigent so frei und entspannt mit einer Hundertschaft von exzellenten Musikern kommuniziert wie Welser-Möst mit den Philharmonikern, dann meint man selbst noch die Wassertropfen im Wasserfall zählen zu können.
Laut wird es zwischendurch freilich, aber das war an diesem Abend bereits im ersten Teil Programm: Samuel Barbers „Toccata Festiva“ kommt recht kraftmeiernd daher. Gegen sie nahm sich Francis Poulencs Orgelkonzert dann beinah dezent aus, obwohl auch hier das Soloinstrument gehörig profaniert wird und hie und da in den stillen Passagen sogar ein wenig Salonmusik anklingt. Poulenc, anders als Kollege Strauss tief religiös, hat die Orgel in diesem Fall doch wie ein virtuoses Konzertinstrument behandelt.
Und Dame Gillian Weir blieb trotz enormer Anforderungen so locker und (im wahrsten Sinne des Wortes) leichtfüßig, wie das den spritzigen Allegro-Teilen des barockisierend-anachronistischen Werks zukommt. Die Philharmoniker hielten mit und unterstützen den raren „Orgel-Swing“ nach Kräften.
Das Publikum unterhielt sich in der Pause angeregt über den seltenen Genuss und ließ des Öfteren die Frage laut werden: Gibt es noch mehr Orgelmusik von dieser Sorte? Die Gesellschaft der Musikfreunde versucht, das in den kommenden Tagen und Wochen zu beantworten.
Live in Ö1: Sonntag, 11.03 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2011)