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Homosexualität in der Schule: Mein Lehrer ist schwul

Homosexualitaet Schule Mein Lehrer
(c) Teresa Zötl
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Nur die wenigsten homosexuellen Lehrer können mit ihrer sexuellen Orientierung offen umgehen. Denn an vielen Schulen herrscht ein schwulenfeindliches Klima - bis hin zu Psychoterror und Drohbriefen.

Wien. Das Aprilwetter ist gnädig. Gerade noch rechtzeitig haben sich die Wolken verzogen, deshalb regnet es nur Reis und Rosenblätter, als Johannes Langer und sein Partner Simon aus dem Amtshaus in Wien Ottakring treten. Die beiden haben soeben ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft eintragen lassen. „Ich finde das cool“, sagt Kevin. Der Achtklässler steht inmitten einer Schülergruppe – Johannes Langer ist sein Deutsch- und Musiklehrer am Tschechischen Gymnasium in Wien. Auch das komplette Lehrerkollegium ist angerückt, um die Verpartnerung ihres Kollegen zu feiern.

Der 48-Jährige ist seit über 20 Jahren Lehrer und bereits seit seinem Unterrichtspraktikum geoutet. „Das ist ganz spontan passiert“, erzählt er. In einer Musikstunde spricht sein Betreuungslehrer über den (homosexuellen) russischen Komponisten Peter Tschaikowsky. Langer schaltet sich ein und klärt die Klasse über seine eigene sexuelle Orientierung auf. Nicht zum Wohlgefallen des Direktors („Der war erzkonservativ“) und mit handfesten Konsequenzen. Der Schulleiter verhindert, dass Langer nach seinem Praktikum die Stelle als Musiklehrer bekommt, für die er ursprünglich vorgesehen war. „Das hatte nur mit der sexuellen Orientierung zu tun“, sagt Langer.

Dass schwule Lehrer am Arbeitsplatz diskriminiert werden, ist kein Einzelfall, auch heute nicht. Das beweist eine erst kürzlich veröffentlichte deutsche Studie. Mehr als 1000 Lehrer hat Arne Müller dafür befragt. Der 29-Jährige, selbst schwul, selbst Lehrer, wollte herausfinden, welchem Stress schwule Lehrer ausgesetzt sind. Die Ergebnisse sind erschreckend.

 

Psychoterror und Drohungen

Zwar erhielten zwei Drittel der Befragten bei ihrem Outing in der Schule (auch) positive Reaktionen, weitere 15 Prozent erlebten allerdings ebenso Beleidigungen, Belästigungen oder Gewalt. „Die Zahl der Fälle ist zwar relativ niedrig“, sagt Müller, „aber es gibt extreme Ausbrüche ins Negative.“

So berichten schwule Lehrer von Psychoterror und Drohbriefen, sogar von Kollegen, die ihnen sexuelle Belästigung ihrer Schüler unterstellten. Der Großteil der verbalen, psychischen und körperlichen Gewalt geht aber von den Schülern aus. Mehr als 40 Prozent der befragten deutschen Lehrer wurden wegen ihrer sexuellen Orientierung von den Schülern diskriminiert (siehe Grafik unten).

Johannes Langer ist das noch nie passiert, sagt er. Wolfgang Schmidt schon. Ein Mal jedenfalls: Schüler fügten damals auf einen Info-Zettel mit seiner Unterschrift schwulenfeindliche Äußerungen hinzu. Wolfgang Schmidt unterrichtet an einem Linzer Gymnasium, und er heißt nicht wirklich so. Er will anonym bleiben, denn an seiner Schule wissen nicht alle, dass er schwul ist – schon gar nicht der Direktor. „Früher hätte ich Angst gehabt“, sagt Schmidt. Mittlerweile hat er keine mehr. Aber er sehe einfach keine Veranlassung, mit seinem Chef so private Dinge zu besprechen. „Vielleicht scheue ich auch die Konfrontation.“

Der Linzer Lehrer gehört zur großen Mehrheit. Statistisch hochgerechnet gibt es in Österreich fünf- bis zehntausend schwule Lehrer und lesbische Lehrerinnen. Wie viele von ihnen in der Schule geoutet sind, weiß man nicht genau. „Die allerwenigsten“, sagen schwule Lehrer selbst. Kaum jemand handhabe das so offen wie er, sagt auch Langer.

Muss es denn sein, dass ein Lehrer vor seinen Schülern seine sexuelle Orientierung thematisiert? „Ein offensives Outing habe ich noch nie betrieben“, sagt Langer. Aber es ergibt sich eben. Wenn er etwa erzählt, was er am Wochenende unternommen hat, dass er mit seinem Partner einen Ausflug gemacht hat oder im Konzert war. „Wenn es sich anbietet, erzähle ich halt aus meinem Leben“, sagt er.

 

Role Model für Schüler

Aber natürlich will er auch Role Model sein, für schwule Schüler und lesbische Schülerinnen. Denn diese haben es besonders schwer (siehe auch Bericht unten). Wenn die Lehrer offen mit ihrer Homosexualität umgehen, sehen auch die Schüler, dass das normal ist. Und trauen sich eher, zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.

„Es wäre gut, wenn die Schüler auch von ihren Lehrern mitkriegen, dass das ein gängiges Lebensmodell ist“, sagt Schmidt, der anonyme Lehrer aus Linz. Allerdings will er nicht selbst an vorderster Front kämpfen. „Ich bin mir irgendwie eine Spur zu wertvoll, um mich da hinzustellen.“ Verständlich, bei den negativen Erfahrungen, die viele schwule Lehrer immer noch machen.

Die Schule ist „kein sehr wohlmeinendes Biotop“ für schwule Lehrer und lesbische Lehrerinnen, sagt Gregor Faistauer, Sonderschulpädagoge und bis vor vier Jahren Obmann der Homosexuellen Initiative (Hosi) Salzburg. „Es wird ein bisschen so gehandhabt wie bis vor Kurzem in der US-Armee“, sagt er. „Don't ask, don't tell: Homosexualität zu leben ist okay – solange nicht darüber geredet wird.“ Faistauer vermisst institutionalisierte Information und Prävention an den Schulen. „Es muss an jeder Schule geklärt sein: Bei uns gibt es keine ,schwule Sau‘.“

An Langers Schule hört man diesen Ausdruck kaum. Er hat das seltene Glück, an einem Gymnasium zu unterrichten, an dem seine sexuelle Orientierung als ganz normal angesehen wird.

Vor dem Amtshaus haben ihm seine Schüler inzwischen gratuliert; nun schnappen sie sich die letzten Häppchen vom Buffet. Für die Jugendlichen sei es immer selbstverständlich gewesen, dass Langer schwul ist, sagt eine Kollegin. Sie hätten immer mit Interesse und Wohlwollen auf seine sexuelle Orientierung reagiert, sagt Langer selbst. „Das geht so weit, dass manche es chic finden, dass sie einen schwulen Lehrer haben.“

(c) Die Presse / GK

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2011)