Google rüstet YouTube zum Fernsehersatz auf. Zwanzig Kanäle sollen künftig professionelle Inhalte bieten. Gratis für den Konsumenten – und produziert von YouTube.
Wien. Hier ein Baby mit Lachkrampf, dort die ersten Gehversuche eines deutschen EU-Kommissars in englischer Sprache. Mit wackeliger Hand gefilmt, waren es Videos wie diese, die YouTube in den vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht haben. Mit mehr als 170 Millionen Zusehern weltweit wurde das lachende Baby ebenso zum Internetstar wie EU-Energiekommissar Günther Oettinger mit seinen ersten Reden in Brüssel.
Das Problem der Klickbringer: Sie bieten sich kaum als Werbefläche an und bringen dem YouTube-Eigner Google so zu wenig Geld. Der Internetkonzern will mehr. Er hat es auf ein Stück vom TV-Werbekuchen abgesehen – und unterzieht YouTube dafür einer Generalüberholung.
Google entert boomenden Markt
YouTube soll zum Fernsehersatz werden. Um das zu erreichen, investiert Google 100 Mio. US-Dollar (70 Mio. Euro) in professionelles Programm, berichtet das „Wallstreet Journal“. Konkret sollen rund zwanzig Spartenkanäle von Sport bis Kultur eingerichtet werden, die fünf bis zehn Stunden die Woche professionelle Unterhaltung bieten. Das Unternehmen sei gerade in Verhandlungen mit Hollywood-Agenten, um die nötigen Inhalte zu beschaffen, schreibt die Zeitung weiter.
Damit macht sich Google in einem Bereich breit, der längst kein Nischenmarkt mehr ist. Fernsehen über das Internet boomt – zumindest in den Vereinigten Staaten. Um mangelnden Mitbewerb muss sich Google nicht sorgen. Neben etablierten TV- und Kabelanbietern wartet im Internet etwa US-Platzhirsch Netflix.
Einen Eindruck darüber, welches Ausmaß dieses Geschäft schon erreicht hat, gibt der Marktforscher Sandvine. Demnach sind die Serien und Filme, die über Netflix konsumiert werden, in den USA zu Stoßzeiten am Abend für ein Fünftel des gesamten Online-Datenstroms von Netzbetreibern zu Verbrauchern verantwortlich. Im Vorjahr schaffte das Unternehmen den Sprung auf 20 Millionen Abonnenten und 2,2 Mrd. Dollar Umsatz. Auch Unternehmen wie Apple oder Amazon haben ähnliche Projekte am Start.
Google schickt YouTube jedoch mit einer gänzlich anderen Philosophie gegen die Konkurrenz in den Ring. Erste Tests, die Plattform ebenfalls zu einer Art Online-Videothek umzubauen, wurden gestoppt. Anders als bei Netflix und Co. will YouTube seine „Premium-Inhalte“ auch künftig gratis anbieten. Die Rechnung gehe dann auf, wenn im Gegenzug die YouTube-Nutzer länger auf der Seite bleiben würden, so die Überlegung. Denn verdienen will Google mit Werbung und visiert dafür einen größeren Anteil an jenen 70 Mrd. Dollar an, die Unternehmen allein in den USA jährlich für TV-Spots ausgeben.
Billig, aber professionell
Es ist nicht der erste Versuch, YouTube profitabel zu machen, seit Google die Seite 2006 um 1,6 Mrd. Dollar gekauft hat. Bald danach versuchte der Konzern, hochwertigere Inhalte und damit mehr Werbekunden zu YouTube zu locken. Doch die Bemühungen haben bisher kaum gefruchtet, denn anders als Netflix weigerte sich Google bisher, hohe Lizenzgebühren für erfolgreiche TV-Serien oder Hollywood-Streifen zu bezahlen.
An dieser Strategie hält der Konzern weiter fest. Statt teuer Filme zuzukaufen, soll YouTube sein Programm selbst machen. Billig, aber professionell. So könnte die Nische umschrieben werden, die Google damit abdecken oder erfinden will. Heute zieht YouTube die drittmeisten Besucher im Internet an. Im Vorjahr machte die Plattform rund 544 Mio. Dollar Umsatz. Heuer sollen es 800 Mio. sein. Gewinn gab es bisher keinen.
Auf einen Blick
YouTube soll erwachsen werden. Um 100 Mio. US-Dollar will Google seine Tochter YouTube zum profitablen Fernsehersatz umbauen. Die Seite soll neben Amateurvideos künftig auch professionelle Inhalte bieten. Geld verdienen soll YouTube, anders als die Mitbewerber, nur über Werbung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2011)