Wie aus Müll sozialer Verfall wächst

(c) APA (Georg Hochmuth)
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Wo die Außenwelt in Unordnung gerät, folgt das Verhalten: Normen verlieren an Kraft. Zugleich steigt aber auch das Bedürfnis nach Ordnung: Es wird mit Stereotypen und Diskriminierung gestillt.

Müll zieht Müll an, jeder kennt das von sich selbst: Auf einem frisch gefegten Gehsteig wirft man nicht so leicht etwas weg wie in einem finsteren Winkel, wo schon etwas liegt. Aber würde man auch soziale Normen verletzen, nur weil Müll herumliegt oder sonst Unordnung herrscht, würde man sich gar zum Stehlen verleiten lassen? Niemand sollte vorschnell den Kopf schütteln, Sozialforscher um Siegwart Lindenberg (Groningen) haben sie vor zwei Jahren getestet, die „Broken Windows Theory". Sie stammt aus den USA, und ihr zufolge werden überall dort, wo zerschlagene Fensterscheiben nicht ersetzt werden, immer mehr Fensterscheiben zerschlagen. Allgemeiner: Unordnung steckt an, verfallende Stadtviertel verfallen immer rascher, weil das Verhalten der Bewohner verfällt.

Graffiti verleiten zum Stehlen

Zur Klärung haben die Forscher etwa auf einem Fahrradparkplatz in Groningen über die Lenker einen Werbezettel einer fiktiven Firma gestreift. Der störte beim Fahren, man musste ihn loswerden. Aber Papierkörbe gab es nicht. Wohin mit dem Zettel? Das hing davon ab, wie die angrenzende Hauswand aussah: Sie war entweder sauber oder mit Graffiti besprayt. War sie sauber, warfen 33 Prozent der Radler den Zettel auf den Boden; war die Wand besprayt, taten es 69 Prozent. Andere Experimente kamen zum gleichen Befund - wo eine Norm verletzt ist, geraten auch andere Normen in Gefahr -, den Höhepunkt bildete eines mit einem Briefumschlag, der halb aus einem Briefkasten heraushing und in dem gut sichtbar Geld war. Waren der Briefkasten und seine Umgebung sauber, griffen 13 Prozent der Vorbeikommenden zu; war die Umgebung vermüllt und/oder der Briefkasten besprayt, taten es doppelt so viele (Science, 322, S. 1681).

Unordnung steckt also an. Aber sie hat auch einen Gegeneffekt, sie weckt das Bedürfnis nach Ordnung: Wenn sie schon außen verloren ist, soll sie wenigstens innen herrschen, im eigenen Kopf. Dieses Bedürfnis kann den sozialen Verfall weitertreiben, warnen die Forscher um Lindenberg nun: Diesmal haben sie erkundet, wie sich wahrgenommene Unordnung der Umwelt auf die Wahrnehmung von anderen Menschen und das Verhalten ihnen gegenüber auswirkt. Dazu nutzten sie, wieder in Groningen, einen Streik des Reinigungspersonals im Bahnhof, die Eimer quollen über. Dann baten sie Wartende um das Ausfüllen eines Fragebogens: Welche Eigenschaften haben Moslems? Schwule? Niederländer? Die Antworten waren vorgegeben, man konnte entweder neutrale Eigenschaften ankreuzen oder Stereotype. Letztere überwogen, in beiden Richtungen, positive und negative.

Zudem gab es einen verborgenen Test im Test: Zum Ausfüllen der Fragebögen stand eine Reihe mit sechs Stühlen zur Verfügung. Die waren entweder alle frei, oder der am Ende der Reihe war besetzt, dort füllte schon einer einen Fragebogen aus, entweder ein Schwarzer oder ein Weißer. Die Testpersonen waren weiß, sie hielten Abstand, wenn ein Schwarzer da saß, sie diskriminierten ihn. Eine Woche später war der Streik zu Ende, die Sozialforscher gingen wieder zum Bahnhof. Nun war auch der soziale Spuk zu Ende: Die Urteile fielen weniger stereotyp aus, die Distanz zu den Schwarzen schwand.

Unordnung weckt Bedarf nach Struktur

Zur näheren Klärung folgten Experimente im Labor: Sie zeigten, dass es nicht um Müll im Besonderen geht, sondern um Ordnung im Allgemeinen. Selbst ein Test vor einem Bücherschrank, in dem alles durcheinanderliegt, bringt andere Ergebnisse als einer vor einem, in dem die Bücher gereiht sind wie Soldaten. Und man muss die Unordnung gar nicht bewusst wahrnehmen, subliminal genügt: Wenn auf einem PC-Schirm ganz kurz Wörter wie „Durcheinander" oder „Anarchie" auftauchen, steigt der Bedarf an Struktur. Stereotype im Denken und Diskriminierung im Handeln können ihn stillen.

„Die Umwelt kann temporär das Gewicht von Zielen verändern, in diesem Fall das des Ziels, Ordnung zu schaffen", schließen die Forscher, und hängen noch eine „klare Botschaft an politisch Verantwortliche" an: „Zeichen von Unordnung wie zerbrochene Fenster oder Müll verstärken nicht nur antisoziales Verhalten, sie führen auch automatisch zu Stereotypen und Diskriminierung" (Science, 332, S. 251).

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