Die Gesellschaft der Musikfreunde feiert ihr 200-Jahr-Jubiläum mit einer Saison der Stars: Abbado, Kirchschlager, Netrebko, Thielemann, Buchbinder werden erwartet. Lang Lang ist zu teuer.
„Ich habe die Notbremse gezogen“, meint der Intendant des Musikvereins Thomas Angyan. Wie gewohnt hat er ein Saisonprogramm präsentiert, das als weltweit konkurrenzlos gelten darf: Kein Konzerthaus der Welt veranstaltet 15 Orchesterzyklen und hat dermaßen viele bedeutende internationale Musiker zu Gast. Und alle sind mit dem Gagengefüge zufrieden. Alle bis auf einen. Thomas Angyan: „Schon aus Rücksicht auf die bedeutenden Künstler, die unsere Höchstgage akzeptieren, möchte ich keine Ausnahmen machen.“
Die Ausnahme wäre der Pianist Lang Lang gewesen, dessen Agentur „astronomische“ Forderungen für ein Solo-Recital gestellt hat. Deshalb gastiert der Pianist kommende Spielzeit nur als Solist in einem Gastkonzert der Münchner Philharmoniker – die Finanzierung erfolgt durch die Bayern.
Im Übrigen aber Stars über Stars. Und ein bedeutendes Comeback: Claudio Abbado kommt Ende September 2011 mit seinem Mozart-Orchester und wird in den folgenden Spielzeiten jeweils für mehrere Konzerte wiederkehren.
Für den Auftakt der Saison sorgen jedoch Riccardo Muti mit Chicago Symphony und Christian Thielemanns erste Tournee mit der Staatskapelle Dresden. Ab Oktober geht es dann Schlag auf Schlag. Zu den wichtigsten Projekten der Spielzeit gehört die Gesamtaufführung der Bruckner-Symphonien durch die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim. Der Dirigent wird in den ersten Teilen dieser Konzerte jeweils auch als Solist in einem der Wiener Mozart-Klavierkonzerte auftreten.
Mit 14 Abenden ist Barenboim, der unter anderem auch mit einem Schubert-Recital und als Lied-Begleiter Anna Netrebkos erwartet wird, der meistbeschäftigte unter den Superstars, die sich im Musikverein kommende Saison ein Stelldichein geben.
Auch Neue Musik zum Jubiläum
Zu den Residenz-Künstlern zählen überdies mit Andris Nelsons und Zubin Mehta Dirigenten unterschiedlichster Generationen. „Mir ist wichtig, auch die jungen Talente von Gustavo Dudamel und David Afkham bis Patrick Lange nach Wien zu holen“, sagt der Musikvereins-Chef auch im Hinblick auf die demnächst erfolgende Neubesetzung des Chefdirigenten-Postens bei den Wiener Symphonikern, wobei er seine Präferenz für Philippe Jordan nicht verhehlt.
Wichtig sind dem Intendanten des Musikvereins jedoch nicht nur die großen Orchesterkonzerte und glamourösen Liederabende (Garanča, Kaufmann, Holl u.v.a.), sondern auch übergreifende Projekte mit Künstlern wie Angelika Kirchschlager, die in allen Sälen des Hauses mit unterschiedlichen Programmen präsent sein wird.
Originelle Pläne hat man freilich nicht nur in den Neuen Sälen, die mittlerweile vom Publikum voll akzeptiert sind und fast die Hälfte des Konzertangebots der Gesellschaft der Musikfreunde beherbergen, sondern auch für die großen Abonnementserien. So wird Rudolf Buchbinder in dieser Saison unter anderem erstmals im Zyklus von Nikolaus Harnoncourts Concentus musicus auftreten und zwei Mozart-Konzerte auf einem historischen Hammerflügel spielen.
Und weil es sich um die erste der beiden Jubiläumsspielzeiten handelt, in denen der Gründung der Gesellschaft vor 200 Jahren gedacht wird, gibt es 2011/12 auch mehr Ur- und Erstaufführungen als je zuvor, nicht zuletzt von Auftragswerken, die eigens für diesen Anlass komponiert werden. Zu den dieserart beschäftigten Komponisten zählen junge Talente und Altmeister gleichermaßen, selbst Krzystof Penderecki will ein Doppelkonzert beisteuern, das allerdings erst 2013 zur Uraufführung kommen wird – und Pierre Boulez hat eine Novität versprochen, deren Fertigstellungstermin allerdings in den Sternen steht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2011)