Der stille Aufstieg des Handyriesen aus Taiwan

(c) AP (MARTIN MEISSNER)
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Beinahe unbemerkt schlich der taiwanesische Anbieter HTC in die Elite der Handyproduzenten. Erstmals ist der Smartphone-Spezialist an der Börse mehr wert als der strauchelnde Marktführer Nokia.

Wien. War es ein Warnschuss oder eine Demütigung für den weltgrößten Handyhersteller Nokia, was Donnerstagabend an der Börse in Taipeh geschah? Erstmals war HTC, der unscheinbare Konkurrent aus Taiwan, den Anlegern mehr wert als der strauchelnde Platzhirsch aus Finnland. Zwischenzeitlich rutschte Nokia aus den Top drei der teuersten Handyhersteller. Nur Apple und Samsung lagen vor dem Newcomer aus Taiwan.

Höchste Zeit, den rasanten Aufstieg des 14 Jahre jungen Unternehmens zu beleuchten. 1997 in Taoyuan gegründet, schlich sich der Konzern die längste Zeit unbemerkt an die Branchenspitze an. Dabei haben auch vor sechs Jahren viele Menschen mit Geräten aus den Hallen der Taiwaner telefoniert – sie wussten es nur nicht. Die ersten elf Jahre der Firmengeschichte arbeitete HTC als reiner Auftragsfertiger für diverse Netzbetreiber. Ein frühes Bündnis mit Microsoft, für dessen Handy-Betriebssystem HTC eine Zeit lang jedes zweite Gerät gebaut hat, katapultierte die Firma in eine neue Liga. Die Öffentlichkeit nahm davon kaum Notiz.

Traum vom „kleinen, leichten Computer“

Erst 2006 beschloss die Firmengründerin Cher Wang, daran etwas zu ändern: HTC sollte zu einer Marke werden, so wie Apple oder Sony. Nur zwei Jahre später war es so weit: HTC enthüllte den ersten iPhone-Rivalen, das erste Smartphone, auf dem das Google-Betriebssystem Android lief. Mit einem Schlag stand das taiwanesische Unternehmen im Mittelpunkt des Interesses. Und HTC hat diese Aufmerksamkeit gut genutzt. 18 Monate baute das Unternehmen exklusiv Handys für Android. Zuletzt kamen 13 Prozent aller Smartphones, die in Westeuropa verkauft wurden, von HTC, schätzt der Marktforscher Gartner. Nokias Marktanteil sank indessen von 46 auf 25 Prozent. Der junge Konkurrent hat entscheidende Vorteile gegenüber dem 145 Jahre alten finnischen Konzern: Nokia verkauft zwar noch die meisten Handys weltweit, die meisten sind aber simple Handys, mit denen sich heute kaum noch Profit machen lässt. HTC hingegen hat sich von Beginn an ausschließlich auf Smartphones konzentriert. Der Grund dafür liegt in der Vergangenheit der Firmengründerin Wang. Sie startete ihre Karriere in den Achtzigern als Computerhändlerin. Das Schleppen der sperrigen Schachteln war ihr so zuwider, dass sich ein Gedanke in ihrem Gehirn festkrallte: „Wie schön wäre es, wenn Computer kleiner und leichter wären.“

Fast 30 Jahre später ist ihr Traum Realität geworden. Smartphones sind zum Wachstumsmotor der Branche geworden. Bis 2012 dürfte der weltweite Smartphone-Absatz auf 630,5 Mio. Stück anziehen, schätzt Gartner. Auch heuer sollen um 58 Prozent mehr Minicomputer mit Telefonfunktion verkauft werden als im Vorjahr. Für HTC war diese Entwicklung Grundvoraussetzung für einen Traumstart: Der Aktienkurs verdreifachte sich im Vorjahr. Der Nettogewinn stieg im ersten Quartal auf 513 Mio. Dollar. Nokias Aktien hingegen rutschten seit Jahresbeginn um fast ein Fünftel ab. Zu spät hat der Konzern versucht, auf den Smartphone-Zug aufzuspringen. Nokia-Chef Stephen Elop hofft zwar, mit Billig-Smartphones Marktanteile zu gewinnen. Doch solange Nokia sie mit dem zunehmend unbeliebten Betriebssystem Symbian verkauft, sehen Analysten wenig Chancen. Eine angekündigte Kooperation der Finnen mit Windows ist noch nicht unter Dach und Fach.

Kunden stürmen Geschäfte wie bei iPhone

All diese Probleme hat HTC nicht. Der Konzern setzt mit Android auf den Favoriten aller Marktforscher. Erst kürzlich löste Android Symbian von der Spitze der meist genutzten Betriebssysteme ab. Ende 2012 wird schon die Hälfte aller Smartphones mit Android laufen, erwartet Gartner. Doch Experten warnen: Wenn andere Anbieter aufholen, könne es für HTC als junge Marke schwierig werden, seinen Platz zu behaupten. Der taiwanesische Hersteller lässt sich davon nicht beirren und jüngste Untersuchungen scheinen ihm recht zu geben. Das New Yorker Analysehaus BTIG untersuchte den Smartphone-Verkauf in 150 Handygeschäften. Das Ergebnis: Nicht nur Apples iPhone lockte die Amerikaner in Scharen an. Als HTCs ThunderBolt erstmals in die Läden kam, seien die Schlangen vor dem Geschäft gar länger gewesen als beim Start des jüngsten iPhones.

Auf einen Blick

Erstmals ist HTC an der Börse mehr wert als der Branchenführer Nokia. Damit hat der Aufstieg des jungen Smartphone-Spezialisten aus Taiwan einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Erst vor drei Jahren hatte der frühere Auftragsfertiger das erste reine HTC-Handy auf den Markt gebracht. Es war der erste iPhone-Konkurrent, der mit dem Google-Betriebssystem Android lief. Von Androids Höhenflug profitiert nun auch HTC.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2011)

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