Theater in der Josefstadt: Alexandra Liedtke inszeniert „Blackbird“ von David Harrower. Insbesondere Maria Köstlinger brilliert in der Rolle der zerstörten Frau.
In your face“ hieß in den 1990er-Jahren eine Bewegung zorniger britischer Dramatiker, zu denen u. a. Sarah Kane (1971–1999), Mark Ravenhill („Shoppen und Ficken“) sowie der hierzulande weniger bekannte Anthony Nelson zählten. Manche rechnen auch den Schotten David Harrower dazu, jedenfalls ist er der am wenigsten Wilde der Gruppe. Seine archaische Bauernsaga „Messer in Hennen“ war 1999 bei den Festwochen zu sehen. Diese machten auch die Josefstadt mit den damals neuen britischen Wilden bekannt: Peter Zadek zeigte dort 1999 seine Hamburger Inszenierung von Sarah Kanes „Gesäubert“ (mit Ulrich Mühe).
Harrowers „Blackbird“ wiederum wurde vor sechs Jahren von Peter Stein beim Festival in Edinburgh herausgebracht. Nun ist das Stück in der Josefstadt gelandet. Die Geschichte: Ein vierzigjähriger Mann schläft mit einer Zwölfjährigen. Er verbüßt seine Haftstrafe, baut sich mühsam ein neues Leben auf. Nach 20 Jahren holt ihn die Vergangenheit ein. Die junge Frau taucht an seinem Arbeitsplatz auf und will mit ihm abrechnen. Das Drama ist gebaut wie ein Krimi, die beiden Tatzeugen liefern höchst unterschiedliche Versionen der Ereignisse.
Krimidialoge auf dem Seelen-Müllplatz
Immer neue „Wahrheiten“ kommen ans Licht und werden relativiert. Die beiden haben einander wirklich geliebt und vielleicht lieben sie einander noch. Wer öfter Krimis konsumiert, den wird der Gang der Ereignisse bis auf den unheimlichen Schluss wenig überraschen. Regisseurin Alexandra Liedtke allerdings holt einiges aus diesem Text heraus, der sich in gewisser Weise ähnlich lakonisch auf monströsem Terrain bewegt wie Neil LaButes „lieber schön“, das sie letzten Herbst im Burg-Kasino herausbrachte.
Beide Stücke haben einen ähnlichen Schauplatz: die Kantine bzw. den Essraum einer Fabrik, wo die Angestellten hastig ihre Fertigmenüs verzehren und den Müll zurücklassen. Raimund Orfeo Voigt baute für die Josefstadt eine drehbare Schräge – keine ganz neue Idee – die Perspektiven sind trotzdem spannend. Für ca. 100 Minuten ohne Pause ist die Inkubationszeit der Katastrophe etwas lang, doch steigert sich das Tempo rasant. Insbesonders Maria Köstlinger als enttäuschtes Mädchen ist wunderbar.
Diese Frau, Una mit Namen, vielleicht weil sie angeblich die einzige Zwölfjährige war, an der sich der Mann verging, dekliniert alle Mechanismen der Liebe durch: Sie ist gekommen, um mit dem Mann abzurechnen, der sie schwer enttäuscht hat. Sie will ihn vernichten. Sie will seine Frau kennenlernen. Sie merkt, dass sie ihn noch liebt. Sie will ihn verführen. Fast sind die zwei schon wieder beisammen, da passiert etwas...
Köstlinger zeigt Wirbelwind der Gefühle
Köstlinger ist in all diesen Phasen unglaublich präsent und authentisch, körperlich ein Wirbelwind, seelisch berührend, vor allem mit diesem einen, fürchterlichen Satz, der für das Kind Una schlimmer war als die Vergewaltigung durch den Mann: „Du hast mich verlassen in meiner Verliebtheit.“
Es ist fast nichts kitschig in dieser Aufführung, trotzdem geht es sehr emotional zu. Erwin Steinhauer, der im Interview erklärte, es sei immer der Mann, der Verführer schuld, egal, wie kokett sich junge Mädchen benehmen – was zeigt, wie klar er in diesen wie in anderen Dingen denkt – hat deutlich mehr Schwierigkeiten, die Rolle des Ray auszustatten. Er wirkt zu bieder, zu wenig abgründig, hat aber sehr starke Momente, als es zur Wiederannäherung mit Una kommt. Marita Landgrebe spielt mit großer Lebhaftigkeit ein kleines Mädchen, über das hier nichts weiter verraten werden darf.
Die Aufführung hat – wie auch „lieber schön“ – teilweise einen tollen Rhythmus, zu dem der Song „Bye bye Blackbird“ prächtig passt. „Blackbird“ heißt übrigens Amsel. Liedtke schafft es, diese Amsel streckenweise wie einen Adler aussehen zu lassen, der drohend über menschlichen Abgründen kreist. Die 32-jährige Regisseurin hat den Ton ihrer Zeit drauf, ihre Grausamkeit, ihre Sehnsüchte. Diese Produktion könnte auch am Burgtheater stattfinden, was nicht für viele Josefstadt-Aufführungen gilt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2011)