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Im Dorf, das den Greißler aufkaufte

(c) Erwin Wodicka
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Die Bewohner von Kaltenberg im Mühlviertel kümmern sich selbst um die Nahversorgung. Sie haben ein Geschäft eröffnet, das auch sonntags offen ist. Gewinne werden vorerst jedoch nicht erwartet.

Griaß di!“ Auf dem Land ist man mit seinen Kunden selten per Sie. Julia Mühlbachler ist es auch deshalb nicht, weil sie so gut wie jeden, der in die Kaltenberger Greißlerei kommt, in der sie die Geschäfte führt, ohnehin persönlich kennt.

Der auf 842 Höhenmetern gelegene Ort auf einem Plateau über dem Tal der Kleinen Naarn ist auch gemessen an der umliegenden ländlichen Mühlviertler Struktur überschaubar: 640 Einwohner, 17 Quadratkilometer, davon viel Wald, viel Landwirtschaft.

Trotz der abgelegenen Lage und der geringen Einwohnerzahl hält sich ein Wirtshaus mit angeschlossenem Hotel, das von Seminaren und vom sanften Wander-, Langlauf- und Reittourismus lebt, es gibt zwei Freiwillige Feuerwehren, rund 20 aktive Vereine, eine für Hochzeiten gefragte Wallfahrtskirche und eine Volksschule. Ein neuer Betreiber für das Lebensmittelgeschäft, das im August 2010, als der letzte Greißler in Pension ging, zugesperrt hat, konnte allerdings nicht mehr gefunden werden.


Unser G'schäft.
Die Kaltenberger betreiben deshalb seit Jänner ihr Geschäft selbst – auf Vereinsbasis. Ähnliche, funktionierende Modelle von kommunaler Selbstversorgung gibt es bereits – etwa in Vorderstoder oder St.Thomas am Blasenstein. Der Kaltenberger Dorfladen heißt nun „Unser G'schäft“ und gehört den rund 60 Mitgliedern. Ob er Erfolg haben wird, diskutieren rund drei Monate später alteingesessene Kaltenberger vor Ort: „Als Privater würde ich es heute mit Sicherheit nicht mehr machen. Vielleicht funktioniert es ja so, als Verein“, sagt Josef Atteneder, der 1959 erstmals an dieser Stelle eine Greißlerei mit einer Tankstelle und einer Trafik aufsperrte und 40 Jahre lang führte.

Er sitzt in der „Caféecke“ des Lebensmittelgeschäfts, ebenso wie der Schulwart der Volksschule und der pensionierte Briefträger von Kaltenberg – vor ihnen eine kleine Plastikflasche gespritzen Weins und zwei Gläser Freistädter Bier.

„Das Problem sind die Jungen. Die meisten pendeln ja zum Arbeiten in die größeren Umlandgemeinden und kaufen dann auf der Heimfahrt in den Supermärkten ein“, sagt Atteneder.

Zwischendurch unterbrechen Kundenbesuche das Gespräch: Annemarie Himmelbauer, die etwa fünf Kilometer entfernt wohnt, hat Milchprodukte und Gebäck in ihrem Einkaufswagen und möchte zahlen. Sie kaufe regelmäßig hier ein. Getränkegroßeinkäufe erledige sie aber immer noch in den Supermarktfilialen: „Wegen der Aktionen“, sagt die 48-Jährige.

Gemeinschaftssinn haben die Kaltenberger indes bereits bewiesen: Die örtlichen Vereine, Firmen und zwei von drei Bewohnern haben mindestens je 100 Euro für das Geschäft vorgeschossen, die sie in Einkaufsgutscheinen zurückerhalten, 3000 Euro steuerte das Land Oberösterreich aus dem Topf zur Förderung der regionalen Entwicklung bei, insgesamt kam die für den Geschäftsstart notwendige Summe von 30.000 Euro zusammen.

Das Problem, sagt Bürgermeister Josef Hinterreither, seien nicht die Lebensmittel allein, sondern, dass, wenn ein Teil der Nahversorgung wegfällt, bald die gesamte Struktur (Post, Bank, Wirt) bedroht sei: „Die Idee des selbst geführten Geschäfts ist aus der Not heraus entstanden. Weniger Angebot im Ort bedeutet weniger Leben im Ort, das wollen wir vermeiden.“


Gewinne sind nicht das Ziel. Gewinne werden vorerst jedoch nicht erwartet. Ein Umsatz von etwa 150.000 Euro im Jahr, um die laufenden Kosten zu decken, dagegen schon. Dazu müssen die Dorfbewohner einen Großteil ihrer Einkäufe im Ort erledigen. „Viele tun es“, erzählt Mühlbachler. Mit dem Umsatz sei sie zufrieden, die notwendigen 150.000 Euro ließen sich bereits hereinbringen.

Es wird versucht, die Bedürfnisse der Kunden abzudecken: So wurden die Öffnungszeiten auf Sonntag ausgedehnt; an Wochentagen – außer mittwochs – kann bis 18.30 Uhr eingekauft werden. Bis auf Fleisch („Das verdirbt zu schnell“) gibt es in der kleinen Greißlerei nun wieder alles, was man an Lebensmitteln brauche, außerdem noch Wolle, Garne, Zeitungen und Zigaretten.

Mühlbachler führt nicht nur den Laden, sie hält auch die Kommunikation im Dorfladen aufrecht. Es bleibt Zeit dazu: Zwischen 30 und 50 Kunden kommen täglich vorbei. Wenn sie gehen, sagt Mühlbachler „Pfiat di“ – und hofft, dass sie wiederkommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)