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Gehörlose im Parlament: "Ich kann alles außer hören"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Dass im Umgang mit Gehörlosen der Fürsorgegedanke dominiert, nervt Helene Jarmer. Nicht nur deswegen hat Österreichs erste gehörlose Nationalratsabgeordnete ein sehr persönliches Buch geschrieben.

Vermutlich würde man es falsch machen. Ein Interview mit Helene Jarmer nämlich. Instinktiv würde man wohl der Dolmetscherin ins Gesicht schauen, die die Worte der Nationalratsabgeordneten aus der Gebärdensprache übersetzt. Und würde Fragen stellen, die die 39-Jährige schon tausende Male beantworten musste. Würde man wohl, hätte man nicht davor im Buch geblättert, das Jarmer geschrieben hat. Ein Buch, in dem viele Unsicherheiten ausgeräumt werden, die man im Umgang mit gehörlosen Menschen hat. Und so ist man darauf vorbereitet, dass man die Fragen direkt der gehörlosen Interviewpartnerin stellt. Dass man Augenkontakt hält. Und dass man sich bemüht, möglichst deutlich zu sprechen. Aber nicht unbedingt laut. Denn, und das ist auch der Titel des Buches, „Schreien nützt nichts“.

Und tatsächlich, irgendwann denkt man gar nicht mehr darüber nach, dass die Worte, die man gerade hört, aus einer anderen Richtung kommen als jener, in der der Gesprächspartner sitzt. Und aus einer zunächst vielleicht ungewohnten Situation entwickelt sich ein ganz normales Gespräch. Ein Gespräch, in dem Helene Jarmer erklärt, warum sich viele Menschen im Umgang mit Gehörlosen so schwertun: „In Österreich wird man nicht erzogen, mit Händen und Füßen zu reden.“ Eine Mentalitätsfrage, wie sie meint. Man sitze brav da und habe die Hände im Schoß gefaltet, während man etwas erzählt. Wer sich in Gebärdensprache unterhält, passe nicht in dieses Bild. In anderen Ländern, vor allem im Süden, habe Körpersprache einen deutlich höheren Stellenwert. Dementsprechend stoße man dort auf einen anderen, positiveren Zugang zur Verständigung mit Händen und Füßen.


Schlechte Chancen.
Nicht so in Österreich. Zwar wurde die Österreichische Gebärdensprache im Jahr 2005 offiziell als vollwertige Sprache anerkannt. Doch in der Erziehung und Bildung liege nach wie vor einiges im Argen. Noch immer würden gehörlose Kinder in Sonderschulen gesteckt, fehle es an Lehrern mit Gebärdensprachenkompetenz und am Willen, die Bildungssituation behinderter Menschen zu reformieren. Mit dem Ergebnis, dass gehörlose Pflichtschulabgänger im Alter von 14 bis 15 Jahren eine Wortsatz- und Schriftsprachkompetenz haben, die der von acht- bis neunjährigen hörenden Schülern entspricht. Dementsprechend schlecht sind auch die Chancen im Berufsleben.

Dass es auch anders kommen kann, das zeigt Jarmers Beispiel. Sie kam als Kind selbst gehörloser Eltern zur Welt – zunächst hörend, erst im Alter von zwei Jahren verlor sie ihren Hörsinn bei einem Unfall. Es ist dem Engagement ihrer Eltern zu verdanken, dass sie von klein auf in Gebärdensprache unterrichtet wurde. Dass sie, wo es nur ging, gefördert wurde, etwa beim Lesen, das sie deswegen schon im Kindergarten beherrschte. Aber auch, dass ihre Eltern so viel mehr von ihr verlangten, sie als einzige Gehörlose in eine Schule für Schwerhörige steckten. Gegen alle Vorschriften und mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten. Doch es waren auch ihre Eltern, die ihr die Motivation gaben, sich durch die harte Schule durchzukämpfen: „Gehörlose können alles außer hören.“


Gegen alle Widerstände. Ein Motto, nach dem Jarmer auch ihren weiteren Weg gestalten sollte – gegen alle Widerstände. Bei ihrer Ausbildung zur Lehrerin an der Pädagogischen Akademie, zum Beispiel. Denn dort werden zum Studium nur körperlich geeignete Personen zugelassen. Und es dauerte ein ganzes Jahr an Überzeugungsarbeit, bis sie tatsächlich zu studieren beginnen durfte – und das auch nur, weil ihr ein ehemaliger Privatlehrer garantierte, sie danach in seiner Gehörlosenschule als Lehrerin zu beschäftigen.

Es sollte nicht ihr letzter Kampf werden. Und nicht ihr letzter Job. Jarmer absolvierte mehrere Zusatzausbildungen, bekam Lehraufträge an Universitäten in Wien und Graz und wurde 2001 einstimmig zur Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes gewählt. Schließlich schaffte sie 2009 einen Sprung, den bis dahin kaum jemand für möglich gehalten hätte: Sie zog für die Grünen als erste gehörlose Abgeordnete in den Nationalrat ein.

Hier will sie vor allem eines: für die Rechte von Behinderten kämpfen. Etwa bei der Ausbildung. Denn nicht alle gehörlosen Kinder sind in der privilegierten Situation, dass sich ihre Eltern so intensiv um sie kümmern, wie es Jarmers Eltern getan haben. Dementsprechend landen sie dann allzu oft in Schulen, in denen sie nicht oder nicht ausreichend gefördert werden. Und auch nicht ausreichend gefordert – denn noch wird der Umgang mit Menschen ohne Hörsinn vor allem von einem Fürsorgegedanken dominiert. Man sorgt sich um sie, man bemitleidet sie, aber man nimmt sie nicht ganz ernst. Man traut ihnen nichts zu.


Gebärdensprache als Wahlfach.
Genau gegen diese Mentalität will Jarmer ankämpfen. Indem man sich etwa verstärkt an Ländern orientiert, die bei der gesellschaftlichen und sozialen Einbindung Gehörloser schon um einiges weiter sind. Wo etwa Flugbegleiter für gehörlose Passagiere ganz selbstverständlich die Durchsagen aufschreiben, die sie nicht hören können. Oder wo schon im Bildungssektor viel mehr Wert auf ein gutes Zusammenleben gelegt wird. „In den USA kann man Gebärdensprache als Wahlfach bis zur Matura belegen“, sagt Jarmer. In Österreich ist man davon noch weit entfernt. Immerhin, erste Versuche in diese Richtung gab es schon: „Im Burgenland gab es einmal einen Antrag.“ Nachsatz: „Der wurde aber abgelehnt.“

Auch die Sensibilität in der Sprache, die müsse in Österreich noch deutlich verbessert werden. Begriffe wie „taubstumm“, etwa, die seien missverständlich. Denn man sei zwar gehörlos, aber keineswegs stumm.

Missverständnisse wie diese waren schließlich auch mit ein Grund, warum Jarmer sich an ihr Buchprojekt wagte. Um Menschen zu zeigen, wie die Situation hörbehinderter und gehörloser Menschen in Österreich aussieht – und wie man mit ihnen umgeht, ganz ohne Berührungsängste und Hemmungen. Und ohne Mitleid. Das brauche man nämlich nicht, man wolle als Gehörloser ernst genommen, aber nicht als „armer Behinderter“ behandelt werden. Macht man sich das bewusst, weicht so manche Unsicherheit, die in unserer Gesellschaft gegenüber Gehörlosen herrscht. Begegnet man schließlich in diesem neuen Bewusstsein einem gehörlosen Menschen – dann macht man es vermutlich richtig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)