Vor 50 Jahren war der erste Mensch im All, der Russe Juri Gagarin. Der alte Traum vom Überwinden der Erdenschwere war wahr geworden. Es war sein letzter Triumph: Gagarins Flug zündete das US-Mondprogramm.
Der erste Sowjetmensch war im Weltall“, titelte „Die Presse“ am 12. April 1961, man setzte es in Anführungszeichen, offenbar konnte man es kaum fassen und musste sich zudem auf eine Quelle berufen, aus der man nicht alle Tage schöpfte, „das Londoner KP-Blatt ,The Daily Worker‘“. So waren die Zeiten, die Nachrichten liefen auf verschlungenen Wegen um eine Welt, die gut zweigeteilt war, hier die Menschen, dort die Sowjetmenschen. Ausgerechnet sie hatten den Traum vom Überwinden der Erdenschwere wahr gemacht, es war ein Albtraum. Aber nicht nur „Die Presse“ war hin und her gerissen zwischen Bewunderung für die technische Leistung und Entsetzen darüber, wem sie gelungen war: Mitten im Kalten Krieg – er drohte heiß zu werden, die Kuba-Krise kochte hoch –, mitten im Wettlauf der Rüstung und Propaganda hatte das andere System die Rakete vorn, der plumpe russische Bär war dem stolzen US-Adler entflogen. Der Schock im Westen war groß, obwohl sich alles lange angekündigt hatte, 1957 hatten die Sowjets den ersten Satelliten im All („Sputnik“), kurz darauf das erste Lebewesen, die Hündin „Laika“.
Und nun der erste Mensch, Juri Gagarin, die Verkörperung des Arbeiter- und Bauernstaats, Sohn eines Tischlers und einer Melkerin, beide waren belesen. Sie gaben dem 1934 Geborenen viel mit: Äußerlich zeigte sich das Erbe in einem breiten russischen Bauerngesicht, es ähnelte dem von Millionen und dem von KP- und Staatschef Nikita Chruschtschow, es soll den Ausschlag gegeben haben: Chruschtschow hatte das letzte Wort, und der andere Kandidat für den ersten Flug ins All, German Titow, war ein Intellektueller, Sohn eines Lehrers, er sah auch so aus. Ob wirklich die Physiognomie entschieden hat, ist allerdings unklar, wie vieles in diesem Heldenepos. Fest steht, dass Gagarin von seinen Eltern auch das Streben nach Bildung hatte, er lernte Gießer, absolvierte mehrere Schulen und begeisterte sich früh für die Fliegerei, 1951 begann er damit, 1955 würdigte die Lokalzeitung den exzellenten Piloten. Im gleichen Jahr ging er zur Luftwaffe, zwei Jahre später bewarb er sich als Kosmonaut.
Der Legende zufolge hatte er schon als Kind den Blick oft zum Himmel gewandt, und unter seiner frühen Lektüre war natürlich auch „Von der Erde zum Mond“. Darin hatte Jules Verne über 100 Jahre früher alles skizziert: Nach dem Ende des US-Sezessionskriegs suchen Artilleristen und Rüstungsindustrie neue Betätigung, sie finden sie im Schuss zum Mond. Das war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nichts anders: Die USA holten die deutschen Raketenspezialisten um den früheren SS-Hauptsturmbannführer Wernher vonBraun ins Land, die Sowjetunion hatte eigene Experten, sie hatte im Krieg schon Raketen eingesetzt, „Stalin-Orgeln“. Diese waren schwach, das Militär rief nach Trägerraketen für atomare Sprengköpfe. Es ging also um den echten Krieg, aber es ging auch um den symbolischen, den um den Himmel und den um die Köpfe. Ihn trieb die Sowjetunion energischer voran, sie gründete 1960 klandestin das „Sternenstädtchen“, ein Kosmonautentrainingszentrum am Rande Moskaus.
Am 3.März wurde Gagarin dorthin berufen, als einer von 20 Kandidaten. Gute Flieger mussten sie sein, linientreu selbstredend auch. Und zu hoch gewachsen durften sie nicht sein, die Raumkapsel „Wostok“ war klein, Gagarin war es auch: 1,57 Meter. Aber alle sahen, was in ihm steckte: „Bescheidenheit“, „Umsicht“ und einen „hohen Grad an intellektueller Entwicklung“ bestätigte ihm ein Militärpsychologe: „Er scheint das Leben besser zu verstehen als viele seiner Freunde.“ Mit denen kam er gut aus, die meisten im Sternenstädtchen hielten ihn für den Geeignetsten.
So wurde am 12. April 1961 der 27-Jährige im Raumbahnhof Baikonur zur Rakete gefahren. Unterwegs befreite er sich von Ballast – er ließ den Bus halten und pinkelte an einen Reifen, das wurde zum Ritual in Baikonur –, letzten Zuspruch erhielt er vom Chefkonstrukteur Sergej Koroljow: „Juri, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir geben dir alles mit, was du brauchst: Verpflegung, Sauerstoff und eine Pistole.“ Eine Pistole? Viel Zeit hatte er nicht, sich Gedanken zu machen: Um 9.07 Uhr Moskauer Zeit zündeten die Raketen, Gagarin antwortete mit „Pojechali“ – „Auf geht's!“ –, dann raste er in 108 Minuten um die Erde. Gegen Ende drohte höchste Gefahr, vielleicht hatten sie ihm dafür die Pistole gegeben: Die „Wostok“ löste sich nicht von der Versorgungseinheit, Gagarin spürte einen „harten Ruck“ und sah sich „in einer Feuerwolke zur Erde stürzen“, fast hätte die russische Nachrichtenagentur Tass den auch vorbereiteten Nachruf aus der Schublade ziehen müssen.
Dann stand er doch wieder auf der weiten russischen Erde, eine Bäuerin brachte ihm Milch, er wollte lieber telefonieren oder gar eine Grußadresse an das russische Volk auf ein Tonband sprechen. Vielleicht wurde er aber auch höchst unsanft von der Geheimpolizei empfangen, er war nicht am geplanten Ort gelandet, die Quellenlage ist widersprüchlich. Auch über den Flug gehen die Berichte auseinander: Er sei mit der Schwerelosigkeit gut zurechtgekommen, er habe Probleme mit ihr gehabt, er habe die blaue Erde gesehen – „welch herrlicher Anblick!“ –, aber Gott habe er nicht gesehen, soll er der Bodenstation erzählt haben. Das mit der Erde ist wohl wahr, das mit Gott eine Erfindung Chruschtschows.
Dieser empfing den „Kolumbus des Weltalls“ triumphal, und jener revanchierte sich mit dem Bekenntnis, er habe unterwegs ein von Schostakowitsch vertontes Gedicht gesungen: „Die Heimat hört, die Heimat weiß, wo ihr Sohn im Himmel fliegt.“ Die Heimat dankte es mit Jubel und Ehren, Gagarin wurde um die halbe Welt geschickt und löste überall Begeisterung aus, schon in der Schule war er mit seinem Lächeln der Schwarm der Mädchen: Nun küsste ihn Gina Lollobrigida, Brigitte Bardot munkelte von intimerer Nähe, und sogar die Queen war amused, als ihr Frühstücksgast gestand, er kenne sich mit dem vielen Besteck nicht aus. Aber er faszinierte nicht nur Frauen, er mobilisierte Massen wie zu seiner Zeit nur die Beatles, häufig verglich man ihn mit einem Popstar, er war der einzige Russlands.
Das machte ihm sichtlich Spaß, aber er war Kosmonaut, wollte ins All, am besten zum Mond. Er durfte nur nicht, er war zu wertvoll. Das mag den Unerschütterlichen aus der Balance gebracht haben, von Alkohol war die Rede, die Ehe kriselte. Endlich ließen sie ihn doch wieder an den Steuerknüppel, es war das letzte Mal: Am 27.März 1968 stürzte er in den Tod, die Umstände sind bis heute nicht geklärt, eine schlecht geschlossene Kabinentür, ein zu nahe gekommenes anderes Flugzeug, Übermut? Gagarins Asche kam in einer Urne in die Kreml-Mauer, einen seiner Orden deponierte Neil Armstrong 1969 auf dem Mond.
Das war nicht nur Anerkennung, es war auch Dank, das US-Mond-Programm wurde durch Gagarin erst richtig gezündet, durch ihn kam Armstrong als Erster zum Mond. Gagarins Flug über die nächtliche USA war dem Militär nicht entgangen, man weckte Präsident Kennedy, er tobte, die Schlacht um den Himmel war vorerst verloren. Zwei Wochen später passierte auch noch auf der Erde ein Desaster, der von der CIA inszenierte und kläglich gescheiterte Invasionsversuch Kubas („Schweinebucht“). Kennedy musste sich etwas einfallen lassen: „Noch in diesem Jahrzehnt“ seien US-Amerikaner auf dem Mond, versprach er im Mai.
Es gelang, nun traf der Schock die andere Seite, die Sowjetunion verfiel in Agonie und Gerontokratie – natürlich nicht nur deswegen, aber der Symbolgehalt war hoch –, der russische Bär siechte dahin, auch ihm missglückte eine Invasion, die in Afghanistan, das brach den letzten Stolz. Fast den letzten, die Dubliners haben es besungen, in „The Death of the Bear“. Da ließen sie Russen erzählen, was von ihrer glorreichen Geschichte geblieben war: „But we put the first man in space!“
Inzwischen ist er zur Ware geworden, der Held der Sowjetunion soll guten kapitalistischen Profit abwerfen: Im Februar beantragte seine Tochter Galina beim Patentamt Schutz für den Namen „Juri Alexejewitsch Gagarin“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)