Fast eine halbe Stradivari

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Berühmte Geigen sind oft umgebaut. Wer sammeln will, sollte auch ein Instrument spielen. Keine Käufe ohne Expertise tätigen, warnt Dorotheum-Experte János Márkus Barbarossa.

Am 27. April gibt es im Wiener Dorotheum eine Musikinstrumente-Auktion. Auch internationale Häuser bieten immer wieder ehrwürdige Altertümer an. Ein Anlass zu fragen: Was hat es auf sich mit Stradivari & Co? „Nur ganz wenige Stradivaris sind noch im Originalzustand“, sagt Otto Biba, Leiter des Musikvereinarchivs: „Oft wurde der Hals getauscht, oder es werden am Instrument innen Veränderungen vorgenommen, damit es lauter wird. Zu Stradivaris Zeiten hat man auch nicht in so hohen Lagen gespielt wie heute. Es klingt schrecklich, aber je besser die Instrumente umgebaut sind, umso mehr sind sie gesucht.“


Weltrekord 3,6 Mio Dollar. Antonio Giacomo Stradivari (1644-1737), berühmter italienischer Geigenbauer. Weitere klingende Namen der Branche: Amati, Guarneri. Der Weltrekord für Stradivari-Violinen liegt derzeit beim italienischen Auktionshaus „Tarisio – Fine Instruments“. 2010 wurde dort „The Molitor“ für 3,6 Mio. Dollar an die Geigerin Anne Akiko Meyers verkauft. Die größte öffentlich zugängliche Sammlung von Stradivari-Instrumenten hat das spanische Königshaus, die Österreichische Nationalbank besitzt acht Stradivari-Violinen.

Fälschungen, so Biba, werden ständig angeboten. Manche sind ganz plump, manche sind wie Champagner nach „Stradivari-Methode“ gebaut. „Die Chance, dass eine verschollene, echte Stradivari auftaucht, ist sehr gering.“ Aus dem aktuellen Dorotheum-Katalog gefallen Biba zwei Stücke: ein Akkordeon von Georges Kaneguissert, Paris um 1840 (6000–8000 Euro) sowie das französische Flageolett in H (Elfenbein mit Horn kombiniert, 1800–1820 um 800 bis 1000 Euro). „Käufer historischer Streichinstrumente benützen diese in der Regel. Bei Blasinstrumenten oder Tasteninstrumenten ist das anders. Wenn einer im Orchester ein Blasinstrument spielt, braucht er in der Regel ein modernes Instrument.“ Zu unterscheiden ist zwischen Originalklang und historischen Instrumenten. Originalklanginstrumente, diese Bewegung entstand in den 1920er und 1930er Jahren, sind oft nachgebaut, weil die echten Originale zu kompliziert zu bedienen sind, erklärt Biba.


Himmel voller Geigen.
Der Musikverein (MV) besitzt ca. 900 Instrumente. Im Zyklus „Nun klingen sie wieder“ werden sie erläutert und gespielt (nächster Termin: 11.4.). Ab 14. April ist in der Neuen Burg die vom Kunsthistorischen Museum und dem MV-Archiv gestaltete Schau „Der Himmel hängt voller Geigen. Die Violine in Biedermeier und Romantik“ zu sehen.

Keine Käufe ohne Expertise tätigen, warnt Dorotheum-Experte János Márkus Barbarossa. Er ist auch Sammler, Geigenbauer, Restaurator. Er selbst spielt „nur ein bisschen Geige“, wie er sagt. Früher hat er vier Monate gebraucht, um eine Geige zu bauen, jetzt wird das in maximal einer Woche erledigt: „Ich mache alles händisch“, betont er. Jeden dritten und vierten Mittwoch im Monat prüft Barbarossa im Dorotheum Angebote: „Es kommt viel rein, aber nicht viel Interessantes.“

Stark gestiegen sind vor allem italienische Geigen aus dem 19.Jh., auch solche von 1940 bis 1950. Einen Boom erleben E-Gitarren aus den 1940er bis 1950er Jahren. Stradivari? „Heute gibt es genauso gute Geigenbauer wie Stradivari, aber die werden nie diese Preise erreichen“, sagt Barbarossa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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