Der Quintenzirkel gehört für Europäer zum Einmaleins

Im Wiener Musikverein widmet man fast die Hälfte der Konzerte Kindern. Die staunen über die unbekannte Welt, die sie da hörend entdecken.

Aufregung, wenn die Kosten für die Ausbildung unseres Nachwuchses in den Wiener Musikschulen steigen. Das übertüncht das Problem, dass es in der „Welthauptstadt der Musik“ nach wie vor viel zu wenig Ausbildungsplätze für die jüngsten Musikfreunde gibt.

Abgesehen davon, dass in den Schulen die Chance, mit den Grundlagen klassischer Musik in Berührung zu kommen, gegen null gesunken ist. Es gab ja Zeiten, in denen ein halbwegs gebildeter Menschen den Quintenzirkel genau so zu beherrschen hatte wie die Grundrechnungsarten und den zeitlichen Unterschied zwischen den Komponisten Monte- und Giuseppe Verdi annähernd so gut beziffern konnte wie den zwischen den Generälen Napoleon und De Gaulle.

Dass die Musikgeschichte und die Lehre von den Klängen zu den verbindlichen Grundlagen eines europäischen Bildungskanons gehört, der echte Bildung im tieferen Sinne vermittelt, gilt als altmodischer Gedanke.

Diese Bewertung aber steht quer zu der Idee, das Musikmachen auf breiter Basis ernsthaft fördern zu müssen, will man Kinder zu veritablen Europäern heranreifen sehen. Solche sollte man nicht mit einem normierten zivilisatorisch-materialistischen Einheitsmindestwissenskoffer auf die Reise schicken.

Pädagogische Reduktionskost ist in Wahrheit unzeitgemäß. Das beweist der nicht zu befriedigende Ansturm auf die Musikschulen, aber auch der unaufhaltsam steigende Bedarf an klassischen Konzerten. Aufhorchen lässt, was der Intendant der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, Thomas Angyan, im Zuge der Präsentation seines Saisonprogramms zu sagen hat: Als er sein Amt vor einem Vierteljahrhundert antrat, gab es keine Jugendaktivitäten im Musikverein.

Heute widmet Angyan 43 Prozent seiner Gesellschaftskonzerte Kindern und Jugendlichen. Und das, ohne dafür eine Groschen Zusatzsubvention zu bekommen. Mittlerweile sprechen den Intendanten bereits Abonnenten klassischer Konzertzyklen an, die durchaus dankbar darauf verweisen, zunächst im Kindesalter mit klassischer Musik in Berührung gekommen zu sein – in den Jugendserien im Musikverein.

Aus „Agathes Wunderkoffer“ zaubert man also die Abonnenten für philharmonische Konzerte. Der Bedarf an solchen steigt ja, wie die Nachfrage beweist, ebenso stetig wie jener an Opernaufführungen – mittlerweile liegen ja nicht nur in der Staatsoper, sondern auch im Theater an der Wien die Auslastungszahlen in Regionen von Wahlergebnissen der Breschnjew-Ära in der einstigen Sowjetunion.

Nur, dass die Leute Beethoven, Wagner, ja sogar Béla Bartók freiwillig wählen. Das könnte man ihnen übrigens leichter machen, indem man das Wahlalter senkt und den Musen Chancen zur Wahlwerbung gibt. Womit wir wieder bei den Schulen wären...

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2011)

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