ÖVP will Lehramt Türkisch einführen

oeVP will Lehramt Tuerkisch
(c) APA (Herbert Neubauer)

Die Einführung des Maturafachs Türkisch steht laut ÖVP im Moment zwar nicht zur Debatte, doch Universitäten und Schulen könnten künftig autonom über ihre Sprachangebote entscheiden.

Wien/Berlin. Regierungsintern signalisierte man anfangs noch Zustimmung – als das Thema öffentlich wurde, ruderte die ÖVP jedoch zurück: Die Einführung des Maturafachs Türkisch stehe im Moment nicht zur Debatte, so die Klarstellung des schwarzen Bildungssprechers Werner Amon in der Vorwoche. Eine Linie, mit der nicht alle in der Partei einverstanden sind. Die ÖVP agiere zu „rückwärtsgewandt“, lautet der Vorwurf aus den eigenen Reihen.

Auch ÖVP-Wissenschaftssprecherin Katharina Cortolezis-Schlager steht dem Ausbau des Fremdsprachenunterrichts positiv gegenüber: Sie fordert im Gespräch mit der „Presse“ die rasche Einführung eines Lehramtsstudiums Türkisch, wie es derzeit an der Uni Graz konzipiert wird. Ab wann, und ob Türkisch zum Maturafach werden soll, will Cortolezis-Schlager nicht sagen. Aber: „Es ist wichtig, dass die Unis rechtzeitig Angebote schaffen, unabhängig von schulischen Rahmenbedingungen. Damit wir genügend ausgebildete Pädagogen haben, wenn wir sie benötigen.“ Schon jetzt sei der Bedarf an Türkischlehrern mit sprachpädagogischer und didaktischer Ausbildung gegeben – etwa in der Erwachsenenbildung.

 

Plädoyer für breiteres Angebot

Besondere Bedeutung müsse man nun dem Ausbau der bilingualen Schulangebote für die Sprachen Deutsch und Englisch beimessen, so Cortolezis-Schlager. Quasi als Startpunkt für einen „erweiterten Fremdsprachenunterricht“: Vorstellen kann sich Cortolezis-Schlager nicht nur ein Lehramt für Türkisch, sondern auch für andere europäische Sprachen (etwa mit Schwerpunkt Donauraum und Schwarzmeerregion) und Chinesisch. „Wir müssen davon wegkommen, dass Schüler immer nur nach traditionellen Mustern ihre Fremdsprachen wählen.“

In letzter Konsequenz, so Cortolezis-Schlager, müsse man sich überlegen, „ob sich der Staat in dieser Frage nicht überhaupt stärker zurücknehmen soll“. Der Vorschlag: Unis sollen im Rahmen ihrer Autonomie selbst entscheiden, welche Fremdsprachenlehrämter sie anbieten. Auch jede Schule solle anhand des Angebots frei wählen dürfen, welche Fremdsprachen sie in ihren Fächerkanon aufnehmen will. Vorbild für die nächsten Schritte könnte Deutschland sein, wo es die Türkisch-Matura bereits gibt. Man müsse die dortigen Ergebnisse wissenschaftlich evaluieren, so Cortolezis-Schlager.

 

Erfahrungswerte aus Deutschland

Tatsächlich wurden in Deutschland bereits im Jahr 1989, in einem Beschluss der Kultusministerkonferenz, die „einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Türkisch“ festgelegt und dabei „die besondere Stellung des Türkischen als Sprache der größten Migrantengruppe in Deutschland und in Europa“ betont. Leben doch „immer mehr Nachfahren der Migranten vor allem in industriellen Ballungszonen der Bundesrepublik Deutschland“.

Und dennoch: In der Realität wissen „viele gar nicht, dass Türkisch auch Abiturfach sein kann“, klagte etwa die Integrationsbeauftragte der deutschen Regierung, Maria Böhmer (CDU) letztes Jahr, als der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan die Einrichtung türkischer Schulen in Deutschland forderte. In welchen Schulen Türkischunterricht angeboten wird, hängt vom Bundesland ab. Im vergangenen Schuljahr haben 10.748 Schüler in Deutschland Türkisch gelernt, 1740 von ihnen an Gymnasien. Am stärksten sind Nordrhein-Westfalen (Abiturfach an zwölf Gesamtschulen und zehn Gymnasien), Berlin, Hamburg, Bremen, einige wenige Türkischschüler gibt es auch in Bayern.

In Berlin wird Türkisch seit der ersten Hälfte der 80er-Jahre als erste und zweite Fremdsprache angeboten – Letzteres ist die übliche Variante und erfordert die Wahl von Englisch als erste Fremdsprache. Für Türkisch als zweite Fremdsprache (mit Möglichkeit der Matura) entscheiden sich laut Senat „fast ausschließlich“ türkischstämmige Schüler, die sprachlichen Anforderungen sind hoch. Beim Lehrpersonal handelt es sich mehrheitlich um „in Berlin geborene, türkischstämmige Personen, die in Berlin eine Lehrerausbildung abgeschlossen haben“. Das Lehramtsstudium Türkisch bieten die Uni Duisburg-Essen oder die Uni Hamburg an. In der Hansestadt waren zuletzt 61 Studenten für Türkisch inskribiert – Tendenz steigend.