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Terroralarm in Weißrussland: Zwölf Tote in der Metro

Minsk Sieben Tote Explosion
(c) REUTERS (STR)
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Eine Explosion in der Minsker U-Bahn fordert zwölf Tote und dutzende Verletzte. Für Präsident Lukaschenko ein "Geschenk aus dem Ausland".

MOSKAU/MINSK. Weißrusslands Autokrat Alexander Lukaschenko fand harte Worte: „Die Explosion war ein überlegter Akt, um den Frieden zu unterminieren“, sagte er am Montagabend laut der staatlichen weißrussischen Nachrichtenagentur. Und weiter: „Ich schließe nicht aus, dass das ein Geschenk aus dem Ausland war.“ Nur einige Stunden zuvor, mitten im Berufsverkehr, war das Unheil über die Passagiere der Minsker Metro hereingebrochen: Um 17:55 Uhr Ortszeit erschütterte eine Explosion die U-Bahnstation Oktyabrskaya im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt. Die Station liegt nur unweit des Amtssitzes von Lukaschenko.

Zwölf Menschen sind bei der Explosion ums Leben gekommen, mehr als 100 wurden verletzt. Zwar wollten die weißrussischen Behörden zunächst offiziell keine Ursache für die Explosion nennen. Laut Interfax gingen sie aber von einem Attentat aus.

Ein Anschlag in Weißrussland käme auch für Beobachter völlig überraschend. Nach der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen nach den Präsidentenwahlen im Dezember 2010 sind die Opposition und die Bevölkerung eingeschüchtert. Der Schock sitzt so tief im Mark, dass auch die katastrophale wirtschaftliche Lage und die jüngste Rubelabwertung nicht zu abermaligen Demonstrationen animieren konnten. Die Elite wiederum, erzürnt über die abermaligen Sanktionen aus dem Westen, ist mit dem Managen der tiefen wirtschaftlichen Krise beschäftigt. Seit Jahresbeginn sind die Währungsreserven um ein Viertel auf gerade noch vier Milliarden Dollar zurückgegangen. Die Hoffnungen für weitere Kredite liegen auf Russland.

Dass Lukaschenko und sein Machtzirkel mit einem selbst inszenierten Anschlag von den wirtschaftlichen Problemen ablenken will, wie dies als eine Deutung kursiert, glaubt Alexej Vlasov, GUS-Experte am Moskauer Forschungszentrum für den GUS-Raum, nicht: Denn bei aller Neigung zur Diktatur herrsche in Weißrussland kein solcher Zynismus wie etwa im Kaukasus oder in Zentralasien. Sollte es ein Terroranschlag sein, meint Vlasov zur „Presse“, so sei er möglicherweise innerhalb der Elite irgendeiner Kraft zuzuordnen, die ein eigenes Spiel zu spielen beginne. Ein Spiel, um Lukaschenkos Paradigma von der unerschütterlichen Stabilität Lügen zu strafen und ihn, aber vielleicht auch die Opposition in eine unangenehme Situation zu bringen.

Der Wiener Ex-Professor und Weißrusslandexperte Hans-Georg Heinrich hält zwar durchaus für möglich, dass etwa Viktor Schejman, die graue Eminenz im Lukaschenko-Regime, mit einem Bombenanschlag provozieren könnte, um „die Einbunkerungsmentalität“ in Weißrussland zu verstärken. Als Gedankenspiel sei aber auch möglich, dass ein Anschlag von europafreundlichen Kräften innerhalb der Elite organisiert worden sei, um die Leute zu politisieren.

Russen mit offenen Rechnungen?

Am zurückhaltendsten in der Interpretation ist der Minsker Politologe Alexander Feduta: Er kann derzeit überhaupt keine Kräfte im Inland sehen kann, die an einer Eskalation Interesse haben könnten. Feduta, der im Dezember inhaftiert und erst vor wenigen Tagen aus dem Untersuchungsgefängnis freigelassen wurde, hält noch am ehesten einen Destabilisierungsversuch von außen für möglich. Da Islamismus für Weißrussland nicht in Frage komme, blieben vielleicht noch Russland oder Personen aus Russland, die den russischen Staat schon lange nicht mehr vertreten, aber in Weißrussland noch Rechnungen offen hätten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12. 4. 2011)