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Menschliche Milch von der Kuh braucht noch Zeit

(c) FABRY Clemens
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Chinesische Forscher lassen in Eutern ein humanes Protein produzieren und feiern es propagandistisch als Welterfolg.

Vor Kurzem lieferte Chinas Nachrichtenagentur Xinhua eine Weltsensation: Forscher des Zentrallabors für Agrobiotechnologie in Peking hätten Kühe gentechnisch so verändert, dass sie Menschenmilch liefern: „Im alten China konnten nur der Kaiser und die Kaiserin ihr Leben lang menschliche Milch trinken, es galt als Gipfel der Opulenz“, erklärte Ling Ni, der Chef des Labors: „Warum sollte man diese Milch nicht für normale Menschen verfügbar machen?“

Warum nicht? Zweierlei spricht dagegen: Zum einen ist Milch eine komplexe Mixtur, von der jedes Säugetier eine andere produziert, die nicht in allen Details geklärt ist. Zum anderen ist Milch nicht für jeden verträglich: Säugetiere vertragen sie nur als Junge, dann stellt das Enzym zur Verarbeitung des Milchzuckers (Laktase) die Tätigkeit ein. Das gilt auch für die Mehrheit der Menschen, nur in Europa entwickelte sich eine Genvariante, die das Enzym das Leben lang produziert und Milch ebenso lang verträglich macht. In Ostasien ist sie eher rar.

 

Gentechniktraum von „Bioreaktoren“

Was soll also die chinesische Menschenmilch von der Kuh? Sie soll eine der verstorbenen Hoffnungen der Gentechnik neu beleben: Ende der 80er schien es nur eine Frage der Zeit, bis man medizinisch nützliche Proteine aus „Bioreaktoren“ melken könnte, man musste nur in die Milchdrüsen die entsprechenden Gene einbauen. Aber die Erfolge waren gering: Mit den damaligen Methoden konnte man Fremdgene nicht gezielt in ein Genom einbauen, sie setzten sich irgendwo hin. Deshalb wurde „Dolly“ erfunden, das Klonschaf, seine Erzeugungsmethode („Kerntransfer“) brachte Gene besser ans Ziel. Die „Bioreaktoren“ kamen trotzdem kaum voran.

Nun hat es Lin versucht: Er hat Kühe geklont und ihnen ein menschliches Gen eingebaut, von 312Versuchen gelangen 17. Denen kann er nun ein Enzym abmelken, von dem normale Kühe 3000-mal weniger in der Milch haben als Menschen: Lysozym (Muramidase). Mit dem steigern Menschenmütter die Abwehrkräfte ihrer Babys gegen Bakterien. Vielleicht kann man Lysozym aus Lins Kuhmilch in therapeutisch nötigen Mengen gewinnen (PLoS One, 16.3.). Das ist alles, für die Forschung und die Medizin. Für die Propaganda nicht. „In zehn Jahren“ werde man „humanisierte Kuhmilch“ im Supermarkt kaufen können, erzählte Lin Xinhua auch noch. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2011)