Ein halbes Jahr Lebenszeit und 740 Euro im Jahr kostet jeden von uns unsere Überfrachtung der Umwelt mit dem Element, von dem wir leben, ergibt eine EU-Bilanz.
Es sei ihm um den steigenden Bedarf an Nahrung gegangen, erklärte der deutsche Chemiker Fritz Haber, als er 1931 den Nobelpreis für eine der folgenreichsten Erfindungen der Menschheit erhielt: die Synthese von Ammoniak (NH3) aus Luftstickstoff und Wasserstoff, mit der Stickstoff bei hohen Drücken und Temperaturen in eine biologisch verfügbare Form gebracht werden konnte. Unsere Atmosphäre besteht zwar zu 78Prozent aus Stickstoff (N2), aber er ist reaktionsträge, wir atmen ihn ein, wir atmen ihn aus, auch andere Lebewesen können nichts mit ihm anfangen, außer ein paar Bodenbakterien, die sich mit Pflanzen vergesellschaftet haben. Sie ernährten alle, bis hinauf zum Vieh und den Vögeln, mit reaktivem Stickstoff, nur damit wurde lange gedüngt, mit Mist und Vogelmist; Guano aus Peru.
Aber der reaktive Stickstoff düngte nicht nur die Felder, er düngte auch die Schlachtfelder, man macht Explosivstoffe daraus. Das stand mit hinter Habers Erfindung, das verschwieg er in Stockholm: Sein Patent auf ein „Verfahren zur Herstellung von Ammoniak aus den Elementen“ kam 1908, der Erste Weltkrieg war nicht weit, Deutschland wurde via Seeblockade vom Guano abgeschnitten. Also schoss man mit Stickstoff aus der Haber/Bosch-Synthese, alle anderen taten es bald auch, viele Kriegsopfer des 20. Jahrhunderts gingen auf sein Konto.
Preis des Lebens: „Todeszonen“
Die Gegenrechnung ist allerdings noch beeindruckender: „Ohne reaktiven Stickstoff wäre die halbe Menschheit heute nicht am Leben“, erklärt eine Gruppe von 200 Experten – darunter Wilfried Winiwarter (IIASA, Laxenburg) –, die für die EU bilanziert hat: Der Dünger hat stark dazu beigetragen, dass ein Hektar Land heute 4,3 Personen ernährt, vor 100 Jahren waren es 1,9. Aber viel kommt nicht dort an, wo es soll: 100 Millionen Tonnen gingen 2005 auf die Felder, 17 Millionen waren am Ende in der Nahrung, der Rest ging in die Umwelt und richtet dort viel an, am sichtbarsten in „Todeszonen“ der Meere: Ungenutzter Dünger lässt Algen blühen, die verbrauchen allen Sauerstoff.
Und dieser Stickstoff bedroht nicht nur Gewässer, sondern auch das Grundwasser (Nitrat), er wirkt mit beim Ozonloch, nur bei der Erwärmung entwarnen die Forscher: Zwar trägt Stickstoff auch zum Treibhaus bei – mit Lachgas (N2O) aus den Feldern –, aber er gleicht das durch andere Effekte aus, etwa dadurch, dass er auch Wälder düngt (was wieder deren Biodiversität minimiert).
In Summe bringt der reaktive Stickstoff nach Kalkulation der Forscher für die EU Umweltschäden bis zu 320 Milliarden Euro, das sind 740 Euro pro Kopf. Zudem verliert jeder dieser Köpfe ein halbes Jahr Lebenszeit. Das kommt vor allem von verschmutzter Luft, und die kommt weniger aus der Landwirtschaft und mehr aus unseren Verbrennungsprozessen: Stickoxide. Wie auch immer: Die Forscher halten das Stickstoffproblem für „eine größere Herausforderung“ als das CO2-Problem (Nature, 472, S.159).
Allerdings dringen sie mit ihren Appellen seit Jahren kaum durch, so wird es wohl auch diesmal gehen. Ihr zentraler Vorschlag zielt auf weniger Fleischverzehr: 70Prozent des Düngers gehen in Nutztiere.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2011)