Machthaber Gbagbo wurde festgenommen und ist in der Gewalt seiner Gegner. Paris will damit offiziell nichts zu tun haben. Kampfhubschrauber der UNO flogen Kampfeinsätze gegen Gbagbos Residenz.
[Abidjan] Es ist aus. Am Montag haben die französischen Truppen in der Elfenbeinküste (Côte d'Ivoire) den zum Bürgerkrieg eskalierten Machtkampf entschieden und die Residenz des abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo gestürmt. Zunächst hatte es geheißen, die Franzosen hätten Gbagbo selbst festgenommen und den Soldaten seines Rivalen, Alassane Ouattara, übergeben, der international als Präsident anerkannt wird.
Die französische Regierung stellte wenig später allerdings klar, dass Ouattaras Leute Gbagbo verhaftet hätten, dem nun der Prozess gemacht werden soll. Französische Soldaten hätten die Residenz des Präsidenten in der Wirtschaftsmetropole Abidjan gar nicht betreten. Beziehungsweise das, was von der Residenz nach den neuerlichen französischen Angriffen noch übrig war. In New York kam der UN-Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.
Gbagbo und seine ebenfalls festgenommene Frau wurden zunächst ins Golf Hotel gebracht, jenes Hotel also, in dem sich Ouattara seit Monaten verschanzt hält. Am Abend wurde der verhaftete Gbagbo dann im Fernsehen vorgeführt: „Ich rufe zu einem Ende der Kämpfe auf“, sagte er bei einem Auftritt im TV-Sender TCI – des Senders, der unter der Kontrolle Ouattaras steht. Ouattara hatte die Präsidentenwahl Ende November laut dem Ergebnis der Wahlkommission gewonnen, Gbagbo wollte seinen Platz allerdings nicht räumen. Vor zwei Wochen hat Ouattara dann begonnen, die Entscheidung auf militärischem Weg herbeizuführen. Seine Truppen kontrollierten bald das ganze Land, bis auf Teile Abidjans. Dort leisteten Gbagbos Soldaten anhaltenden Widerstand.
Schwarzer Rauch über Residenz
Noch am Freitag waren sowohl das Geschäftszentrum Plateau mit dem Präsidentenpalais als auch der einst schicke Stadtteil Cocody mit der Präsidentenresidenz de facto noch immer in Gbagbos Hand. Dessen Truppen kamen sogar bis auf hundert Meter an Ouattaras provisorischen Regierungssitz im Golf Hotel heran, wie die UNO gemeldet hatte. Sie schienen sogar erstmals dort eindringen zu wollen und versetzten die versammelten Minister und das Hotelpersonal mit einer Attacke in Panik. „Einige Soldaten der Schutztruppe flüchteten ins Untergeschoß“, berichtete ein zufällig anwesender französischer Fernsehreporter.
Bereits in der Nacht auf Montag flogen dann je zwei Kampfhubschrauber der UNO und Frankreichs wieder mehrere Kampfeinsätze gegen Gbagbos Residenz, das Regierungspalais und militärische Ziele überall in Abidjan. Zuvor sei das UN-Hauptquartier erneut mit schweren Waffen angegriffen worden, sagte später UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zur Begründung. Über der Residenz des Präsidenten hing eine schwarze Rauchwolke, die Detonationen war noch kilometerweit zu hören.
Die UNO und Frankreich sind peinlich bemüht, die Konformität ihrer Einsätze mit dem UNO-Mandat „zum Schutz der Zivilbevölkerung“ zu belegen. Stereotyp wiederholt das ?lysée, Paris sei auf Bitten der UNO und „um ein Blutbad zu verhindern“ aktiv geworden. Dennoch melden sich jetzt in der französischen Politik zunehmend Stimmen, vor allem seitens der oppositionellen Sozialisten, die „Klarheit“ über das Einsatzkonzept verlangen.
Für die Menschen in Abidjan besteht nun die Hoffnung, dass sich die prekäre humanitäre Situation verbessert: Noch am Montag waren viele weiter auf der Flucht aus umkämpften Stadtteilen, viele haben seit Tagen nichts gegessen, die medizinische Versorgung ist schlicht Glückssache.
Sicherheitskräfte sind noch immer nirgendwo zu sehen, und die Soldaten Ouattaras, die Ordnung schaffen sollten, haben nach den Meldungen über ihr brutales Vorgehen beim Vormarsch im Westen des Landes, aber inzwischen auch bei Razzien in Abidjan selbst, nicht gerade das Vertrauen der Bevölkerung erworben.
Auf einen Blick
Laurent Gbagbo hat Ende November die Präsidentenwahl in der Elfenbeinküste verloren, wollte seinen Sessel aber nicht räumen. Truppen des international anerkannten Wahlsiegers Alassane Ouattara starteten vor zwei Wochen eine Offensive. Seit Tagen griffen zudem Truppen der UNO und Frankreichs auf Seiten Ouattaras ein. Am Montag wurde Gbagbo in seiner Residenz in Abidjan festgenommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2011)