Nach der Verhaftung des abgewählten Präsidenten Gbagbo herrscht in der Hauptstadt Abidjan blutiges Chaos. Und das obwohl die verfeindeten Lager zum Gewaltverzicht aufrufen.
Auch nach der Verhaftung des abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo geht in der Elfenbeinküste (Côte d'Ivoire) die Angst vor einer Fortsetzung des Blutvergießens um. Am Dienstag waren in Abidjan erneut Schüsse zu hören. 24 Stunden zuvor war in der Hauptstadt der abgewählte Präsident Gbagbo verhaftet worden. Er hatte sich in seiner Residenz verschanzt und hartnäckig geweigert, sein Präsidenten-Amt abzutreten.
Nach der Festnahme hatten alle Seiten angekündigt, die Waffen niederzulegen: "Ich rufe meine Mitbürger auf, von jeglicher Vergeltung oder Gewalt abzusehen", sagte der rechtmäßig gewählte Präsident Alassane Ouattara am Montagabend in einer Fernsehrede und versprach eine "neue Ära der Hoffnung". Auch Gbagbo forderte in einer kurzen Ansprache ein Ende der Kampfhandlungen. Auf Fernsehbildern aus dem Hotel, wo er festgehalten wurde, wirkte er unterwürfig und verschreckt.
"Einbrechen, vergewaltigen und töten"
Nach Experteneinschätzungen ist der Konflikt aber noch nicht vorbei. Zunächst ist völlig unklar, ob Gbagbos Anhänger wirklich die Waffen niederlegen. Zudem bereitet das Machtvakuum in Abidjan Porbleme. "Die meisten Polizisten sind nicht auf ihren Posten. Beide Seiten verüben Einbrüche, vergewaltigen und töten", sagte eine Sprecherin der UNO-Menschenrechtskommission. Nach den zehntägigen Kämpfen in der Stadt gingen der Bevölkerung zudem Lebensmittel und Wasser aus.
UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon appellierte deshalb am Dienstag erneut und mit Nachdruck, alle Kampfhandlungen zu beenden. Ban forderte zudem, dass die für Massaker und schwere Menschenrechtsverstöße Verantwortlichen auf beiden Seiten zur Rechenschaft gezogen werden. Der UN-Generalsekretär begrüßte zugleich die von Ouattara angekündigte Bildung einer "Wahrheits- und Versöhnungskommission" nach südafrikanischem Vorbild.
Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) haben Ouattaras Truppen Massaker und Massenvergewaltigungen vorgeworfen. In der vergangenen Woche hatte in Duékoué im Westen des Landes ein Massaker mit bis zu tausend Todesopfern stattgefunden, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf bestätigte. Hunderttausende Ivorer und Gastarbeiter aus den Nachbarländern sind auf der Flucht.
"Französischer Staatsstreich"
Die Festnahme Gbagbos in Abidjan erfolgte am Montag mit Unterstützung der Militärmission der früheren Kolonialmacht Frankreich. Gbagbos Sohn wäre fast gelyncht worden, berichteten französische Fernsehsender. Gbagbos Berater haben Ouattara vorgeworfen, nur eine Marionette der Franzosen zu sein. Paris sei für den "Staatsstreich" verantwortlich.
Alassane Ouattara hatte die Präsidenten-Stichwahl im November nach Feststellung der unabhängigen Wahlkommission mit 54,1 Prozent der Stimmen gewonnen. Das von Gefolgsleuten des damaligen Präsidenten Laurent Gbagbo dominierte Verfassungsgericht rief jedoch den bisherigen Amtsinhaber zum Sieger aus, nachdem rund eine halbe Million Stimmen mit der Begründung annulliert worden waren, dass in den Hochburgen Ouattaras im überwiegend muslimischen Norden Anhänger Gbagbos an der Stimmabgabe gehindert worden seien.
Bei den darauffolgenden Kämpfen im Westen sind alleine seit Ende März fast 540 Menschen getötet worden, berichtet die UNO. Die Zahl der Opfer drohe aber noch zu steigen, sagte eine Sprecherin des Menschenrechtskommissariats der Vereinten Nationen am Dienstag in Genf. Das UNO-Ermittlerteam sei deshalb verstärkt worden.
(Ag./Red.)